Kultur : Mein geschenktes Leben

Nach fünf Jahren funktionieren nur noch etwa 60 Prozent der transplantierten Herzen. Unsere Autorin bekam ihr neues Herz vor sechs Jahren

Ursula Friedrich

OPERATION

Bei der orthopen Herztransplantation wird das Spenderherz anstelle des erkrankten Herzen implantiert. Sobald der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen ist, wird das erkrankte Herz entfernt. Dafür wird die obere Hohlvene durchtrennt wird. An die verbliebenen Vorhofstümpfe wird dann das Spenderherz angenäht (siehe Abbildung).

Bei der heterotopen Herztransplantation dient das Spenderherz als Ergänzung zum alten Herzen. Das neue Herz wird nach dem „Huckepackprinzip“ beim Empfänger implantiert.

EMPFÄNGERAUSWAHL

Der Erfolg einer Herztransplantation hängt zum großen Teil von der Beachtung folgender Kontraindikationen ab: Der Patient sollte

nicht älter als 65 Jahre alt sein

eine Lebenserwartung von nur wenigen Monaten haben

gesunde übrige Organe besitzen

den Eingriff selber wünschen

Teil eines stabilen sozialen Umfelds sein.

Der Mann, der neben mir im Warteraum zu Röntgen B im Klinikum Großhadern sitzt, hat einen Tirolerhut auf dem Kopf. Immer, wenn er husten muss, nimmt er ihn ab wie zum Gebet. Er muss oft husten. „Das kommt vom Herz“, sagt er zu mir. „Die Ärzte sagen, ich brauche eine Herztransplantation. Ich will aber nicht. Würden sie sich ein fremdes Herz hineinoperieren lassen?“ – „An Ihrer Stelle schon“, sage ich. „Ich habe übrigens seit sechs Jahren eines.“ Er sieht mich sprachlos an. Dann wird er aufgerufen, hustend verschwindet er in einer Kabine.

Die Nächste bin ich. Ich bin zur jährlichen Kontrolle da. Als ich fertig bin, ist der Tirolerhut schon weg. Ich hätte ihm gern gesagt, dass er sicher bald, wenn der Husten noch schlimmer und sein Atem noch kürzer geworden ist, mit einer Transplantation einverstanden sein wird. Das habe ich selbst erlebt – zuerst die Ablehnung, dann das dringende ungeduldige Warten auf ein Spenderherz. Jeder Dritte, der eines braucht, stirbt im Wartestand. Weil es nicht genug Spender gibt.

Ich erinnere mich genau an den sonnigen, blitzblauen Nachmittag vor sechs Jahren. Der Tag vor Pfingsten. Ich stülpe die geblümten Polster auf meine Gartenstühle. Dafür brauche ich fast eine Stunde, mit Unterbrechungen. Jetzt, im Sitzen, kann ich noch am besten atmen. Liegen geht gar nicht. Meine Schuhe passen mir längst nicht mehr. Ich trage die Turnschuhe meines Sohnes, Größe 46. „Meine Tage sind elend“, habe ich damals in meinem Tagebuch notiert. „Die Nächte noch schlimmer. Wenn ich das Herz nicht bald bekomme, bin ich nicht mehr lange am Leben.“ Meine Krankheit heißt Dilative Kardiomyopathie, sie hat sich in wenigen Jahren entwickelt. Früher hat mir nie etwas am Herzen gefehlt.

An diesem Nachmittag, an dem ich von der Landstraße den Pfingstverkehr höre, piepst um 16 Uhr 36 der Piepser, den ich an der Kordel um den Hals trage. „Klinik anrufen“, meldet das Display. Ich rufe in der Herzambulanz in Großhadern an. „Wir haben ein Herz für Sie“, sagt die Ärztin, mit der ich Kontakt halte.

Ein dünner Draht bis ins Herz

Mein armes krankes Herz rafft sich zu aufgeregtem Klopfen auf. Als wüsste es, dass es bald nicht mehr an seinem Platz sein wird. Ich benachrichtige meine Söhne, rufe meine Nachbarin an, damit sie sich um meinen kleinen Hund kümmert, packe Seife und Zahnbürste ein und bestelle ein Taxi. Man wird mich in eines der berühmten Kliniknachthemden, hinten offen, stecken – nach der Operation. Nach der Operation: bei dem Gedanken setzt bei mir eine Blockade ein. Das ist ein total unwirklicher Zeitpunkt für mich, unvorstellbar fern. Angst habe ich keine. Ich bin von jedem Gefühl wie abgeschnitten.

So ist es gewesen, an diesem letzten Nachmittag mit dem Herzen, das mich bisher treu begleitet hat. Ich bin knappe 65 Jahre alt. Mit 65, heißt es, ist die Grenze für eine Transplantation erreicht. Dead Point. Aber Professor Bruno Reichart, der mich operieren wird, hat bei unserer ersten Besprechung gesagt: „Das schaffen Sie.“

Ich habe es geschafft, ist der erste Gedanke, als ich in der Intensivstation aufwache. Geschafft: Jubeln kann ich nicht. Ich habe einen Schlauch im Mund und hänge an tausend Kabeln und Flaschen. Und ich schlafe gleich wieder ein. Der schwere Druck im Brustkorb ist nicht mehr da. In diesem allerersten Begreifen, dass die Operation vorbei ist, bin ich glücklich.

Es folgen weniger angenehme Tage, immer noch auf Intensiv, in dem matten, Tag und Nacht gleichen Licht. Mal streikten meine Nieren, mal schlugen die Messgeräte wegen anderer Werte Alarm, zeitweise war ich völlig verwirrt. Einmal habe ich eine Schwester geschlagen (hat man mir erzählt) dann wieder wollte ich Papier und Bleistift, um einen Bericht zu schreiben. Häufige Zustände nach einer langen Narkose. „Durchgang“ nennen es die Mediziner.

Aber auch beim längsten Durchgang kommt man auf der anderen Seite des Tunnels wieder heraus. Die Körperfunktionen regeln sich, das Gehirn klärt auf. Und das neue Herz schlägt. Ich sehe es zum ersten Mal am Bildschirm, als ich nach drei Wochen eine Herzkatheteruntersuchung habe. Dabei wird ein dünner Draht durch die Leistenarterie bis ins Herz geschoben. Tut nicht weh. Eigentlich will man nicht hinsehen. Aber der Arzt sagt: „Schauen Sie sich Ihr Herzchen ruhig an.“ Mein Herzchen. Ein kleines, fröhlich hüpfendes Muskelpäckchen, das eifrig und ganz regelmäßig pumpt. „Hallo“, sage ich. Am liebsten hätte ich jetzt geweint.

Der Gedanke an den Menschen, der mir im Tod dieses Herz vermacht hat, ist nicht mehr wegzuschieben. Als ich wieder auf der Station bin frage ich eine Ärztin, ob ich wissen darf, von wem das Herz stammt. „Ich kann Ihnen nur sagen, dass es von einer Frau ist“, antwortet sie. „Warum wollen Sie es wissen?“ – „Ich möchte mich bei ihr bedanken.“ – „Das können Sie. Bei einer unbekannten Patientin.“

Ich liege in meinem Bett und denke an die Frau, die vor Pfingsten gestorben und längst beerdigt ist. Nur ihr Herz ist noch lebendig. Ob es sie freuen würde? Ich stelle mir vor, dass sie jung war, weil ihr Herz einen so jungen Eindruck auf mich gemacht hat. Unser Herz.

Von nun an bis heute habe ich das Gefühl, dass ich auf dieses Herz besonders Acht geben, dass ich es beschützen muss – ich bin dafür verantwortlich. Das Geschenk darf nicht umsonst gewesen sein. Wenn ich die Augen schließe, glaube ich, sie sehen zu können. Wie auf einem Polaroidfoto entwickelt sich aus dem Nichts heraus ihr Bild. Ein lachendes Gesicht, dunkle wehende Haare. Ist sie auf einem Motorrad gesessen? Hat sie so ausgesehen?

Ich empfinde kein Schuldbewusstsein. Ich habe ihr nichts genommen. Sie hat mir etwas gegeben, sie hat mein Leben gerettet. Ich fühle eine zärtliche schwesterliche Zuneigung. Das Herz ist eine Pumpe, nichts weiter, sagen die Chirurgen. Das mag, physiologisch gesehen, stimmen. Für mich aber ist dieses Herz mehr. Es ist ein Wunder.

„Stört es dich nicht, so ein fremdes Organ …?“ Diese Frage bekomme ich seit sechs Jahren häufig gestellt. Und die Frage, ob sich bei mir irgendetwas verändert hat? Ob ich Eigenschaften bemerke, die ich vorher nicht hatte? Schließlich könnte mit dem Herz doch ein Stück fremder Seele in mich hineinoperiert worden sein?

Die Vorstellung, dass unsere Seele im Herzen wohnt, ist uralt und in allen Kulturen vertreten. Die Darstellung von Jesus, der mit beiden Händen sein rotes, blutendes, von Dornen umkränztes Herz hält, hängt in den Kirchen. Die böse Stiefmutter wollte das Herz Schneewittchens essen, um so schön zu werden wie sie. Im Herzen sitzt die Liebe. Das Herz wird mystifiziert und romantisiert. Bis 1967 der Chirurg Christiaan Barnard in Kapstadt das erste Herz verpflanzte – einen Muskel, keine Seele, einen Muskel, der täglich 100 000-mal schlägt und in einem Menschenleben etwa eine Viertelmillion Kubikmeter Blut transportiert.

Küsse ich anders?

Es gibt ein paar Studien, zum Beispiel an der Universität von Hawaii, die der Frage nachgehen wollen, wie weit eine Transplantation eine Persönlichkeit verändert. Die Hawaii-Studie befasst sich mit den Aussagen von zehn Patienten. Ein Mann hat nie gern klassische Musik gehört, jetzt liebt er sie. Ein Sozialist wählt seit seiner Operation auf einmal rechts. Eine Frau behauptet, ihr Mann küsse jetzt ganz anders als vorher. Na ja.

Was mich betrifft – ich weiß nicht, ob ich anders küsse. Ich merke überhaupt nichts von irgendwelchen Veränderungen. Ein bisschen ordentlicher bin ich geworden im Umgang mit Papieren, Dokumenten, Rechnungen, Mahnungen. Das liegt wohl daran, dass während meines langen Krankenhaus- und Rehaaufenthalts keiner der Familie sich auf meinen Schreibtisch auskannte, was zu erheblichen Scherereien mit Instanzen führte.

Ich bin vielleicht gelassener und nachdenklicher geworden durch die Erfahrung des ungeheuren Abenteuers, das eine Herztransplantation ohne Zweifel ist. Manchmal denke ich, dass ich schon einmal gestorben bin – in den Minuten, in denen mein altes Herz entfernt und das neue noch nicht an seinem Platz war … Alles, die Krankheit vorher, die Einstellung auf das neue Leben danach, muss verkraftet werden.

Am Tag vor dem Umzug in die Reha-Klinik trat ein gut gelaunter Mensch zu mir herein. „Grüß Gott, ich bin der Taxifahrer, der Sie morgen früh fährt. Vor elf Jahren habe ich auch ein Herz bekommen.“ Er lacht. Er sieht so gesund aus. Sein Anblick macht mir mehr Mut als alle weißen Kittel und Infusionsflaschen. Als er wieder geht, tupft er mit seinem kleinen Finger gegen meinen Finger: Der Herztransplantations-, kurz HTP-Gruß. „Gewöhnen sie sich ab, jedem die Hand zu geben. Das erhöht die Infektionsgefahr“, rät er.

Ich hatte große Angst, als ich drei Monate nach der Transplantation nach Hause entlassen wurde. Aus der schützenden Überwachung sämtlicher körperlicher Vorgänge, aus dem Kontrollbereich von Röntgenbildern und Ultraschall, der Allgegenwart von Ärzten und Schwestern – hinaus, zurück zu Haus und Hund, zu Supermarkt und Frühstückselbermachen, zu Nächten ohne Nachtglocke. Ich lebe allein. Mein Mann ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben. Vor der Operation hatte ich keine Angst. Danach schon.

Wir leben, wir haben Glück

Zu Hause ist vieles verändert worden. Auf Geheiß der Mediziner wurde der Teppichboden in allen Räumen durch einen glatten Holzboden ersetzt. Meine Topfpflanzen wurden in Granulat verpflanzt. Ich soll keine Erde berühren. Teppichstaub und Blumenerde gelten als Infektionsquellen. Käfigvögel und Katzen auch. Ich habe gottlob keine. Mein Hund darf bleiben. Nur fremde Hunde soll ich nicht anfassen, fremde Kinder auch nicht. Öffentliche Verkehrsmittel und Menschenansammlungen soll ich meiden. Wenigstens am Anfang, in der ersten Zeit.

Das erste Jahr ist das riskanteste. Die Gefahr einer Abstoßung droht in dieser Zeit am meisten. Das neue Leben beginnt mit dem wöchentlichen Gang zum Hausarzt zur Blutentnahme, das Blut kommt in ein Röhrchen und das Röhrchen in ein Spezialkuvert, das per Post ins Klinikum geschickt wird. Dabei ist darauf zu achten, dass der Briefkasten nicht in der Sonne steht, weil sonst das Blut gerinnt. Alle vierzehn Tage ist man zur Biopsie bestellt, wobei mit einer kleinen Sonde etwas Herzgewebe entnommen wird. Tut (fast) nicht weh. Alles miteinander dient dazu, eine Abstoßung möglichst frühzeitig zu erkennen. Professor Reichart: „Von der ersten Sekunde an weiß Ihr Körper – das ist nicht mein Herz. Das muss weg.“ Auch diese Vorstellung ist zu verkraften.

Zweimal hatte ich eine leichte Abstoßung, die mit hohen Cortisondosen behandelt wurde. Einmal war ich in der Krise, weil ich plötzlich ein Medikament nicht mehr vertrug. Vorsichtige Umstellung auf ein anderes. Jetzt, nach sechs Jahren, hat sich alles eingespielt. Ich muss nur noch einmal im Jahr zur Kontrolle ins Krankenhaus. Und mein Blut muss ich nur noch alle vier Wochen in den Postkasten werfen. Man gewöhnt sich. So, wie man sich auch daran gewöhnt, dass das neue Herz tadellos arbeitet. Die Erinnerung, wie es war, als ich keine Luft bekam, schwindet. Sie kommt gelegentlich zurück, etwa wenn ich jemand wie den Mann mit dem Tirolerhut treffe. Dann denke ich an den Weg, den er vor sich hat.

Das Nette an den Kontrollen ist, dass ich Patienten wiedersehe, die mit mir ungefähr zur selben Zeit ein Herz bekommen haben. Gefährten. Wie geht’s? Wie viele Tabletten müssen Sie noch nehmen? Achtzehn am Tag? Ich auch. Am Anfang waren es doppelt so viele. Wohin fahren Sie in Urlaub? Frau Hübsch, die in den ersten Wochen nach der OP fast keine Stimme mehr hatte. Jetzt sitzt sie in einem roten Sommerkleid auf einem Wartestühlchen, erzählt, dass sie eine Darmoperation hinter sich hat, den Stress eines Umzugs, ihr Sohn hat geheiratet, sie braucht eine Brille. Dem Herz? Dem fehlt nix.

Oder Susanne, der mit achtzehn genau auch Pfingsten vor sechs Jahren Herz, Lunge und Leber in einem vierstündigen Eingriff verpflanzt worden sind. Sie ist inzwischen 24, studiert Biochemie. Ist immer noch sehr schlank und zart, aber nicht mehr so durchsichtig wie früher.

Oder Ramo, der jugoslawische Bauarbeiter, der einen Tag nach mir ein Herz bekommen hat. Monatelang war er auf Magenschmerzen behandelt worden, verlor wegen der häufigen Krankschreibungen seinen Job. Nur durch Zufall kam er zu den Haderner Herzspezialisten, als sein Doktor in Urlaub war und der Vertreter ihn mit Verdacht auf eine Herzkrankheit zu ihnen schickte. Es war nicht der Magen, sondern das Herz. Noch drei, vier Wochen länger hätte er nach dem Urteil der Kardiologen nicht mehr gelebt. Er bekam ein Kunstherz. Und dann ein richtiges. Wenn wir uns sehen, ruft er: „Wir leben!“

Wir leben, wir haben Glück.

Jeder Dritte, der auf ein Herz wartet, muss sterben, weil es zu wenig Herzen gibt.

REAKTION

Eine besondere Gefahr bei der Herztransplantation stellt die Abstoßungsreaktion nach der Operation dar. Verantwortlich hierfür sind Antikörper gegen die antigenen Strukturen des transplantierten Organs. Durch die Einnahme von immunsuppressiven Medikamenten wird eine Reduzierung der Reaktion erreicht. Einer Studie zufolge ist das Risiko einer Abstoßungskrise für Frauen geringer: Das weibliche Sexualhormon Östrogen vermindert die Reaktion.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben