Kultur : Mein Gott, was für eine Welt!

Eine Hochzeit und zwei Todesfälle: Auch im Fernsehen weht der Geist, wo er will. Eine Tele-Vision /Von Moritz Rinke

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Das Ehrlichste in diesen ereignisreichen Fernsehtagen war der Wind. Als ich für die größte Beisetzung in der Geschichte der Menschheit anschalte, sehe ich, wie das rote Trauergewand eines Kardinals in das Gesicht eines anderen weht und dessen geistliches Haupt völlig verhüllt. Hektisch reißt dieser das Gewand des Kollegen vom Kopf und wirft dem anderen sein Ornat wieder zu. Kardinal Ratzinger, der Weihrauch schwenkend den Altar abschreitet, weiht einzig und allein die spanische Königin Sofia, so dass sie husten muss. George W. Bush, der sich eine intellektuelle Lesebrille aufgesetzt hat, die genauso aussieht wie meine von Eduscho, sitzt in der zweiten Reihe und will die Liturgien mitlesen, dreimal aber weht ihm die Trauerschleife von Bernadette, der Gattin von Chirac, auf die Lesebrille, zweimal bei RTL, einmal im ZDF. Bei ntv sieht man einmal, wie Jaap de Hoop Scheffer von der Nato das arabische Kopftuch von König Adullah II. von Jordanien um die Ohren kriegt, als der mit beiden Händen Präsident Kabila aus dem Kongo begrüßt.

Was hier auch an Welten-Gräuel und Welten-Krach zusammenkommt! Tony Blair, Bush mit Vater und dem Bündel ihrer Kriege, ein paar Reihen weiter der iranische Präsident, der israelische, der palästinensische; Simbabwe, Nigeria, Türkei, Taiwan, Kongo, die Nato, die Arabische Liga usw. Wenn jetzt ein kleiner buddhistischer Chemiker irgendwo im Tibet zusähe und die hohe, mächtige Christenheit mit dem Karma der auf dem Petersplatz versammelten Prominenz einfach mal chemisch verbinden könnte, dann würden wahrscheinlich alle Buddhas der Welt explodieren und der Heiland vor Schreck von allen Kruzifixen fallen.

Noch nie waren mit Schröder und Fischer auch so viele deutsche Ehebrecher bei einer Papstbeerdigung; dazu Prinz Charles, der Samstag Camilla Parker Bowles heiratet (ARD), was sogar die eigene Mutter quasi boykottiert; der österreichische Bundeskanzler mit dem Schatten seiner katholischen Sexmonster; und über allem F16-Kampfflugzeuge, Awacs und Hubschrauber! Dass Kardinal Ratzinger überhaupt einen Psalm über die Lippen bekommt! Stoiber und Merkel in der letzten Reihe der Staatsgäste diskutieren garantiert mehr über den Wahlkampfauftakt in NRW am Samstag (n-tv) als über den Pontifex, irgendwo am Rande sehe ich Pelé, den Fußballgott, und Otto Sander; einmal wird auch gesagt, Thierse sei da. Bei den ganzen Bärten, die hier zusammenkommen, kommt man schnell auf die Idee, auf jeden Fall hätte Thierse gut getan, der strahlt Ruhe aus.

Gott, diese Hetze! Bei N24 und n-tv laufen bereits die Untertitel, „Breaking News“: „Prinz Charles und Camilla – die Hochzeit in Windsor“. RTL oder SAT1 berichtet mitten in die Liturgie hinein, Prinz Ernst August, der Urenkel von Kaiser Wilhelm II. und Gatte der Prinzessin von Monaco, läge im Koma, ob Prinz Charles denn trotzdem morgen einfach heiraten könne, zumal ja auch Fürst Rainier III. gerade erst tot sei, wann wird der eigentlich begraben? Der RBB kündigt die Trauerfeier für Harald Juhnke an mit Thomas Gottschalk und Klaus Wowereit, das hat das ZDF auf den Samstagmorgen gelegt vor „Die Hochzeit von Windsor“, die vom 8. auf den 9. rückte wegen des Papstes, was bei der 30-jährigen Affäre von Charles und Camilla jetzt auch egal ist, zudem hätte sich Tony Blair ja nicht zerteilen können. Zurück zum Papst, der ist ja noch nicht mal in der Gruft!

Immer noch weht der Wind die Heilige Schrift auf dem Zypressensarg hin und her, und einmal sieht das Evangelium mit zwei sich aufrichtenden Seiten aus wie eine Möwe, die gleich aufsteigt und sich über dieses schauerliche Karma, den Medienstau und die liturgische Großinszenierung erhebt, die mittlerweile aussieht wie der Rosenmontagszug in NRW, weil ständig irgendwelche Kostüme irgendwas schwenkend durchs Bild laufen. Eigentlich ist das ja schön, die römisch-katholische Kirche lädt die profane Welt ein zu einer seltenen Stunde des Weltfriedens und der eucharistischen Großgemeinschaft, aber dann hätte man sich in den vatikanischen Grüften zusammensetzen müssen und nicht vor Milliarden von Fernsehzuschauern, das ist ja der wichtigste Pressetermin für Politiker seit 25 Jahren!

Ich sehe mittlerweile nach der 17. Beisetzungs-Zusammenfassung aus Rom die Beisetzung von Harald Juhnke in Charlottenburg, Gedächtniskirche, Moderation Nina Ruge. Es ist ein bisschen komisch, von Trauergästen wie Viktor Juschtschenko, Kofi Annan oder Bill Clinton plötzlich auf Walter Momper, Eberhard Diepgen oder Atze Brauner umzuswitchen, aber bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass Otto Sander definitiv nicht beim Papstbegräbnis war, ich dachte, Lech Walesa sei Otto Sander.

Ich bin bewegt. ZDF-Intendant Markus Schächter spricht wahre Worte über unsere Gier nach dem Publikum, unsere Droge Erfolg, den wir über alles stellen, vielleicht sogar über die Liebe. Man sieht das dem ersten Sohn von Juhnke an, der innerlich voller Spannungen ist, wenn er über seinen Vater spricht und sein Interesse an den Dingen, die außerhalb seiner Welt lagen. In Anbetracht der Symbolsprache, mit welcher der Katholizismus in Rom über alles hinweg inszenierte, ist die Ehrlichkeit des Juhnke-Sohnes wie eine Erdung von Welt. Mit Schwächen. Mit Fehlern. Mit einem Menschen.

Wie sehr habe ich mich inmitten des medial-liturgischen Einbalsamierens danach gesehnt, dass Kardinal Ratzinger plötzlich wirklich von Karol Wojtyla spricht, so wie der Juhnke-Sohn von seinem Vater. Natürlich geht das nicht, und Ratzinger ist mit seiner Bemerkung „Jetzt steht Johannes Paul am Fenster des Hauses des Vaters und sieht uns und segnet uns“ ja auch menschlich sehr weit gegangen, aber wenn ich da an die schönen Geschichten denke, die uns mein alter polnischer Theaterprofessor in Gießen erzählte. Er, also mein Professor, Marcel Reich-Ranicki und Karol Wojtyla seien die absolut charmanteste AufreißerGang von Krakau gewesen und wenn einer mal leer ausging, dann Reich-Ranicki, aber nie der Papst.

„Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Ja, solche Geschichten würden uns an den Glauben und das Menschliche trotz der späteren gigantischen institutionellen Verkörperung heranführen, das muss ja nicht so weit gehen wie bei Juhnke oder Prinz Charles, aber man kann ja auch mal Emotionen mit einer Geschichte, mit Worten hervorrufen. Nicht immer mit Bildern, mit Atmo. RTL, glaube ich, unterlegte den Einspieler „Stationen des Papstes“ mit sakralem Technosound, den hab’ ich auf meiner CD „Buddha-Bar, number 3“. RTL ist schon stilsicherer geworden, die Kinder in der Tsunami-Katastrophe haben sie ja noch in Opernarien ertrinken lassen.

Gerade spielt Paul Kuhn am Flügel für Harald „I did it my way“, das ist sehr schön, ich schalte aber kurz um auf Edmund Stoiber beim Wahlkampfauftakt in NRW, also, dass der gestern noch beim toten Papst war! Wie fies der dem Fischer, mit dem er doch gestern noch zusammen gebetet hat, die Visa-Affäre um die Ohren haut, schlimm. Ich schalte um auf Rolf Seelmann-Eggebert, den Adelsexperten der ARD, der gerade erklärt, die Queen habe gegen Camilla Parker Bowles nicht im entferntesten soviel wie Stoiber gegen Fischer, aber sie wolle lieber in der BBC das „Grand-National“Pferderennen sehen, das ließ sich nicht mehr verschieben. Mein Gott, was für eine Welt! Ein Sohn, der 30 Jahre verliebt ist, verschiebt seine Hochzeit, weil der Papst stirbt, aber die Mutter geht einfach zum Pferderennen. Ein Fürst in Monaco wird angeblich künstlich weiter am Leben gehalten, damit er nicht gleichzeitig mit dem Papst über die Schwelle tritt, weil dann würde er ja in den Medien verschwinden. Es wird nach Sendeplätzen gestorben, beerdigt und geheiratet und wenn’s mit den Kapazitäten zu eng wird, dann wird eben gegen den höheren Willen entschieden. Der öffentliche Tod ist ein Meister des Marketings, an den sich von den Bushs über Merkel bis zu Atze Brauner oder Nina Ruge alles dranhängt, was Erfolg haben will, weil der Erfolg, wie es Schächter vom ZDF bei Juhnke sagte, er steht über allem. (Das war jetzt meine Kardinal-Ratzinger-Phase!)

Ich schalte um auf den Kinderkanal und sehe einen Film über Pinguine. Ich werde nicht mehr nach Windsor zurückschalten, sondern den Pinguin-Film zu Ende gucken. Man hat herausgefunden, dass die Pinguine reihenweise in der Antarktis umfallen, wenn ein Flugzeug über sie hinwegfliegt. Sie verlieren dann ihr Gleichgewicht und fallen einfach um. Ich habe sehr lange Kinderkanal geguckt bis in den „Tigerenten Club“ hinein, aber immer überlegt, für was dieses Bild der umfallenden Pinguine stehen könnte. Nach dem jüngsten Streit zwischen ARD und ZDF um die Übertragungsrechte für die Beisetzung von Fürst Rainier am kommenden Freitag kann ich die Pinguine sehr gut verstehen.

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