Kultur : Mein Held, der Fisch

Morgen beginnt das Comicfestival: Zeichner Atak malt dort weiter, wo die Literatur aufhört. Und Goethes „Faust“ bekommt einen dritten Teil

Heiko Zwirner

„Das eigene Leben beginnt, wenn der Traum zu Ende ist und es umfasst dich der kalte Mantel der Wirklichkeit.“ Dieser Satz steht auf der dritten Karte eines Kartenspiels, auf der ein Pärchen sich in ängstlicher Umklammerung vor einer Nacht voller Schatten und Gefahren versteckt. Das Kartenspiel heißt „32 Stufen zum Erfolg“. Es schreitet von der Geburt zum Tod und folgt ähnlichen Regeln wie Rommé. Der Zeichner Atak hat es entworfen. Seine Comic-Welt bündelt sich in diesem Spiel wie Sonnenlicht in einem Brennglas. Die Bilder sind bevölkert von unheimlichen Figuren mit traurigen Gesichtern und sie offenbaren einen pessimistischen Blick auf das Leben, eine Kunstfertigkeit bei der Gestaltung von Details, einen Hang zu klaren Ordnungsprinzipien und eine Vorliebe für unheimliche Situationen voll unterschwelliger Spannung. In Ataks Universum haben die Schatten Augen und die Monster weinen.

„Ich habe extra noch ein bisschen Unordnung gemacht“, sagt Atak, als er die Tür zu seinem Atelier im Prenzlauer Berg öffnet. „Damit ich dem Bild vom chaotischen Comic-Zeichner gerecht werde.“ Das kann nur ein Scherz sein. In der Werkstatt scheint jeder Pinsel nicht nur einen Platz zu haben, sondern auch an diesem Platz zu sein. An der Wand hängen Zettel und Zeichnungen neben einer Vitrine mit Cartoon-Figuren aus Plastik. Auf dem Fussboden stehen Schallplatten und ein Fön, der wie der Kopf einer Comic-Ente aussieht. Nur der Arbeitstisch ist zerkratzt und mit Farbresten bedeckt. Atak holt eine Mappe mit seinen jüngsten Arbeiten aus einer schweren Schublade. „Was mich an Comics begeistert, ist die Freiheit, nur mit einem Bleistift oder ein paar Farbtupfern und einem Blatt Papier visuelle Welten zu erschaffen, ohne dass man dafür wie im Film Kulissenbauer und eine Abteilung für Spezialeffekte braucht. Man braucht nicht einmal ein Steckdose.“

Atak zählt zu den renommierten Comic- Künstlern in Deutschland. Er zeichnete Strips für „Die Zeit“ und die „Berliner Zeitung“, seine Arbeiten wurden in Finnland und in Frankreich, in Portugal und in der Schweiz ausgestellt. In Berlin bewegt er sich in einem Umfeld, zu dem Zeichner wie CX Huth, Mawil, die mittlerweile in Hamburg lebende Anke Feuchtenberger und der Exil-Schwede Max Anderson gehören. „Berlin hat eine kleine Szene, in der es keine Konkurrenzdenken gibt,“ sagt Atak. „Geld ist in diesem Bereich sowieso kaum zu machen. Was uns verbindet, ist die Liebe zum Comic.“ Gemeinsam ist ihnen auch die stilistische Distanz zur narrativen Linearität herkömmlicher Stories, zum handwerklichen Perfektionismus und zu den realistischen Proportionen der Figuren. In ihren Geschichten macht es nicht „Peng!“ oder „Ba-Zong!“.

Die Handschriften der Berliner Zeichner seien sehr verschieden, sagt Jutta Harms, eine der Organisatorinnen des Internationalen Berliner Comicfestivals, das von Mittwoch an in der Backfabrik stattfindet. „Charakteristisch ist jedoch das Arbeiten aus dem eigenen Lebenszusammenhang heraus. Sie haben sich weit von den Superhelden-Fantasien der Mainstream-Comics entfernt.“ Ihre Geschichten reflektieren Alltagsituationen, die von verstörenden Ereignissen durchbrochen werden. Trotz aller Individualität des Strichs haben sie einen groben Expressionismus kultiviert, der den Betrachter extrem subjektiven Wahrnehmungen unterwirft.

Atak wird beim Comicfestival Zeichnungen vorstellen, die er für sein erstes Kinderbuch gemacht hat. Die Hauptfigur ist ein kleiner Fisch namens Jürgen, dem es in seinem Aquarium zu eng wird. Er will hinaus in die weite Welt, doch die anderen Fische halten ihn zurück und warnen ihn vor den Haien da draußen. Am Ende zerbricht der gläserne Tank und Jürgen schwimmt in die Freiheit. Der Schriftsteller Jakob Hein hat sich diese Geschichte ausgedacht. „Natürlich kann man in dem Aquarium eine Metapher für die DDR sehen“, sagt Atak. Genau wie Hein ist er in der DDR groß geworden. Vielleicht war es die geistige Enge des SED-Staates, die das Interesse eines kleinen Jungen namens Georg an gezeichneten Fantasiewelten schürte. Seine erste Begegnung mit Comics hatte er, als er mit vom Fieber geröteten Wangen im Bett lag. „Ich bin in den Bildergeschichten regelrecht versunken“, erinnert er sich. Mit zehn, elf Jahren fing er selbst an zu zeichnen. Er wollte sich sein eigenes Comic-Album in den Schrank stellen. Doch meist kam er über die zweite Seite nicht hinaus. Nur einmal hat er ein ganzes Heft geschafft, in dem ein zum Schrecken der sieben Meere überhöhtes Alter Ego namens Superking Südsee-Abenteuer erlebte.

Ein professioneller Comic-Zeichner zu werden, sah das Ausbildungssystem der DDR jedoch nicht vor. Stattdessen erlaubte es ihm, als Grafiker in einer Werbeagentur zu arbeiten, der einzigen im Osten. In den frühen Achtzigern spielte er in einer Punk- Band, die nur drei Auftritte hatte. Was von ihr übrig blieb, war der Name Atak, mit dem Georg Barber fortan seine Zeichnungen und Graffitis unterschrieb.

Nach der Wende war er Mitbegründer des Comic-Fanzines „Renate“, das die Arbeiten von Zeichnern bündelte, die zuvor keine Möglichkeit der zur Veröffentlichung hatten. Die „Renate“-Reihe ist längst eine Institution in der Berliner Comicszene. Ihre Macher haben eine gleichnamige Comic-Bibliothek in der Tucholskystraße eingerichtet, ein Knotenpunkt, an dem sich Kollegen treffen und Fans japanischer Mangas Orangensaft trinken. Atak ist früh aus der „Renate“-Gruppe ausgeschieden. Jeder konnte dort machen, was er wollte. Das war ihm dann doch zu bunt. Er stand stattdessen sechs Jahre lang am Tresen eines Comicladens und las und sammelte alles, was auf dem Markt ist.

Heute schreibt er Kolumnen über andere Zeichner und bringt Studenten an der Universität der Künste bei, wie man Tiere menschlich aussehen lässt. Inspirieren lässt er sich jedoch lieber von literarischen Stoffen und Techniken als von anderen Zeichnern. Eine seiner ambitioniertesten Arbeiten „Alice küss den Mond, bevor er schläft“ ist angelehnt an Lewis Carroll, und zurzeit arbeitet er gemeinsam mit Fil, dem Vater des „Didi & Stulle“-Humors, an einem dritten Teil von Goethes Faust, der mit den inneren Nöte der urdeutschen Figur spielt. „Wir haben aus Faust einen uncoolen und langweiligen Grübler gemacht, der von einem satanischen, aber immer gut gelaunten Gehilfen geplagt wird.“ Atak deutet auf einen Strip, der an die Wand seines Ateliers geheftet ist und eine rundliche Figur zeigt, die in das Arbeitszimmer eines Mannes mit zerzausten Haaren eindringt: „Mensch Faust, hier sieht’s ja wieder aus / Die ganzen Bücher, Mann-O-Mann, wer soll die alle lesen / Und was ist das hier? Thomas Mann / Ist der nicht schwul gewesen?“, liest Atak die Sprechblase vor. „Wir freuen uns schon auf die Reaktionen der Deutschlehrer.“

Viele, die sich intensiv mit Comics befassen, lassen keine Gelegenheit aus, das geringe Ansehen dieses Genres zu bedauern. Ein Sendungsbewusstsein, das Atak fremd ist: „Die Diskussion über künstlerischen Wert langweilt mich. Ich muss niemandem mehr erklären, dass Comics Literatur sind.“ Doch seine Zeichnungen schlagen nicht nur Brücken zur Literatur, sie entwickeln sich gleichzeitig in Richtung Malerei. Etwa ein halbes Jahr ist es her, da gab Atak einem Impuls nach und übermalte eines seiner Bilder mit einem flächigen Rot. „Auf einmal kam es mir zu voll vor. Das Drumherum, die kleinen Details – all das war mir auf einmal zu viel. Ich habe mich plötzlich nur noch für die Körperhaltung der Figur interessiert.“ Atak räumte sein Atelier auf und entfernte alles, was er nicht zum Arbeiten brauchte. Dann malte er eine Reihe von Bildern, mit denen er seinen Zeichenstil abstrahierte. Sie zeigen Figurenkonstellationen, die aus monochromen Hintergründen herausgeschält sind und in den Positionen, die sie einnehmen wie gefangen erscheinen.

Falls Atak den Weg eingeschlagen hat, den sein Kartenspiel vorsieht, ist er auf der zehnten Stufe angelangt: „Umgebe mich nur mit dem, was du wirklich brauchst und liebst.“

Internationales Berliner Comicfestival in der Backfabrik (Saarbrücker Str. 36-38, Prenzlauer Berg), vom 27. bis 31. August

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