Kultur : Mein Herz so heiß

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Eigentlich sollten die Brandenburgischen Sommerkonzerte immer die „Vier Jahreszeiten“ aufs Programm setzen - Vivaldis Dauerbrenner ist so ziemlich das einzige Werk der Musikgeschichte, das garantiert zu jedem Wetter passt: Als der Sonderbus am Sonntag zur 12.Landpartie der Saison startet, liegt Sommerschwüle über Berlin. Kaum ist die Stadtgrenze gen Nordosten passiert, geht das heftigste Herbstgewitter nieder. Am Zielort Lichterfelde bei Finowfurt muss die traditionelle Freiluft-Kaffeetafel ins „Winterquartier“ des örtlichen Gasthofs umsiedeln. Und beim Spaziergang über die kleine, feine Landesgartenschau in Eberswalde umwehen die Ausflügler schließlich milde Frühlingslüfte. Vivaldi-Wetter.

Ihre gute Laune ließen sich die Berliner Klassikfans durch das kapriziöse Himmelsgebaren aber nicht vermiesen - zumal der Ziel- und Höhepunkt des Tages ja auch in einem geschlossenen Raum stattfand. In der schmucken Lichterfelder Dorfkirche blieb kein Platz auf den Holzbänken frei. Das Leipziger Streichquartett präsentierte ein höchst anspruchsvolles Programm, vielleicht fast ein wenig zu schwergewichtig für den lieblichen ländlichen Rahmen. Die vier Solisten allerdings zeigten sich absolut auf der Höhe ihres selbst gesteckten Anspruchs.

Zwei Quartette von Schumann und Beethoven rahmten Peter Ruzickas „fragment“, fünf Epigramme, die der vielseitig Begabte (und neue Intendant der Salzburger Festspiele) 1970 nach Paul Celans Tod komponierte. Die fragilen, extrem verknappten Klanggebilde, von den Musikern mit äußerster Konzentration dargeboten, stellten viele im Publikum vor Probleme: Das schattenhaft huschende Pianissimo Ruzickas liegt für den Konzertbesucher durchschnittlichen Alters leider jenseits des Hörbaren.

Beethovens Opus 127 bohrte sich in der vehementen Interpretation der Leipziger geradezu ins Hirn - als spannende Diskussion geistreicher Rhetorik-Virtuosen über die Grenzen kompositorischer Freiheit im klassischen Streichquarett. Was für ein Kontrast zu Robert Schumanns F-Dur-Quartett: Während bei Beethoven stets logisch argumentiert wird, erlebt man bei Schumann vier Individuen, die mit sich und ihren Seelenqualen ringen, auf unmittelbar berührende Weise intimeste Gefühle offenbaren: glühende Romantik ohne Kitsch.

Am kommenden Sonnabend sind die Brandenburgischen Sommerkonzerte dann zu Gast in der Dorfkirche Lebusa, dem diesjährigen Denkmalschutz-Schwerpunkt: Nachdem schon die Silbermann-Orgel der Kirche mit Hilfe der Sommerkonzerte renoviert werden konnte, wird diesmal Geld gesammelt für den Einbau einer Heizung, die eine Nutzung des historischen Instruments auch im Winter ermöglicht. 340 000 Euro hat das vollkommen privat finanzierte Festival seit seiner Gründung bereits für die Renovierung historischer Bauten gespendet. Das klingt gut. Frederik Hanssen

Weitere 14 Konzerte bis 11. September, Restkarten: 030/78 95 79 40, Infos: www.brandenburgische-sommerkonzerte.de

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