Kultur : Mein Herz so heiß

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen Dvorák, Janácek und Neues von Adès

Frederik Hanssen

Das geht von hinten durch die Brust ins Auge: Dvoráks hochdramatische siebte Sinfonie hat Simon Rattle an den Anfang gesetzt, Janaceks heitere „Sinfonietta“ dagegen ans Ende. Eine nicht nur auf dem Papier spiegelverkehrt wirkende Konzertdramaturgie, mit dem alleinigen Ziel, die Uraufführung von Thomas Adès’ „Tevót“ zum Zentrum des Abends zu machen.

Rattle glaubt unbeirrbar daran, dass der 1971 geborene Adès die stärkste Begabung unter den lebenden britischen Komponisten sei, und kombinierte zum Amtsantritt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker im Herbst 2002 ganz bewusst Mahlers Fünfte mit Adès’ hochspannendem Orchesterstück „Asyla“. So eine Künstlerfreundschaft ist viel wert in wankelmütigen Zeiten. Offensichtlich haben die Berliner Adès bei der neuen Auftragsarbeit bis auf die Länge von 25 Minuten keinerlei Vorgaben gemacht – und so greift der beherzt in die philharmonischen Vollen, lässt ein Riesenensemble aufmarschieren.

Das Ergebnis rechtfertigt in diesen Fall den Aufwand nicht: „Tevót“ fängt interessant an, mit einer Art Vogelgezwitscher von Violinen, Flöten, Harfe und Celesta. Wie aus dem Off steigen dräuende Bläserchoräle auf, die Sache kommt ins Laufen, Xylo-, Metallo- und Marimbafon senden schillernde Tonkaskaden ins crescendierende Geschehen, es folgen rohe, abgehackte Rhythmen in den Streichern, „Metropolis“-hafte Maschinenmusik, jazziges Blech. Aha, denkt der Zuhörer, da stellt sich einer ganz in die Tradition von Franz Liszts sinfonischen Dichtungen, diesen monumentalen Historienschinken, zu denen Passagen tönender Leere einfach dazugehören. Doch plötzlich sinkt das Orchester in sich zusammen, die Geigen rollen den Flokati aus, die Oboe säuselt sentimental, bald schmachtet das ganze Kollektiv in einem Designerseifensound wie man ihn von den (perfide „New Classics“ genannten) Fahrstuhlmusiksendungen auf „Klassik Radio“ kennt. Mit einer Verbeugung vor Puccinis „Turandot“ inklusive Gong und Holzhammer kommt Adès zum Ende.

Wie viel moderner, zukunftsweisender wirkt anschließend Janaceks – mit blendender Brillanz gespielte – „Sinfonietta“ von 1926! Und was für eine Wunderwelt tut sich in Dvoráks d-Moll-Sinfonie auf, wenn sie mit einer so atemberaubenden klanglichen Tiefenschärfe ausgeleuchtet wird wie von Rattle und den Seinen: Ecksätze wie Fantasyfilme, ein Adagio von brennender Intensität, gefolgt von einem Scherzo, bei dem man die Spannung kaum noch aushält, das Trio herbeisehnt – und auch dort auf einen Puls trifft, der pocht bis zum Hals.

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