Kultur : Mein Herz so kalt

Forum (2): „Border Line“, ein Ensemblefilm von Lee Sang-Il

Silvia Hallensleben

Gerade junge japanische Regisseure schaffen es in den letzen Jahren immer wieder mit Bravour, in ihren Filmen persönliche Statements abzugeben, ohne darüber die Lust am Fabulieren zu vergessen. Engagierte Geschichten statt verfilmter Ego-Trips stehen auf der Agenda. „Border Line“ ist so ein Film: Radikal und unterhaltsam, ernsthaft und voller Witz. Manches ist dabei nicht ganz gelungen. Unnötig ist nichts.

Der junge japanische Filmemacher Lee Sang-Il, geboren 1974, war so mutig, sich gleich in seinem Debütspielfilm an dem Kunststück zu üben, vier Erzählstränge zu einem Filmganzen zusammenzuknüpfen. Es sind Episoden aus dem gegenwärtigen Japan, die von Kindheit und Einsamkeit, zerstörter Jugend, zerrissenen Familien und ökonomischer Bedrängnis berichten. Dabei kommt das Familienleben selbst in „Border Line“ nur als Leerstelle vor. Die Bindungen sind gesprengt, Vater und Mutter tot – real oder symbolisch –, die Kinder auf der Flucht.

Eine Ausnahme macht in einem Erzählstrang die alleinerziehende Mutter, die wie eine Löwin für ihr Söhnchen kämpft und dabei auch gewaltsame Methoden nicht scheut. Ein junger Mann ist ein Vatermörder. Ein Yakuza wird gezwungen, den Partner umzubringen, der ihn betrog. Ein Schulmädchen geht mit Geschäftsmännern ins Hotel. Die Farben sind düster wie ein Blues, den Sound liefern verstreute Gitarrenriffs.

Dicht und doch diskret sind die Geschichten ineinander verschränkt, wobei Lee Sang-Il es den Zuschauern nicht immer leicht macht, weil er neben den realen Bezügen auch Luftspiegelungen und Phantasien seiner Figuren bildlichen Raum gibt. Dabei ist „Border Line“ zwar durchaus intellektuelles Kino, doch auch so körperlich, dass es oft an Slapstick grenzt.

Der 29-jährige Regisseur, der bis zur Oberstufe auf eine koreanische Schule in Yokohama ging, wirft einen distanziert nüchternen Blick auf eine kalte Welt, wo Beziehungen zwischen den Menschen nur durch Gewalt entstehen. Doch er macht auch Hoffnung. Unter dem Eis keimen Fürsorge und Freundschaft. Annäherung scheint möglich, wenn auch nur vorsichtig. Sogar zwischen den Generationen kommt es zur Verständigung. „Du kannst ein Radio reparieren. Du kannst Fahrradfahren. Wenn du willst, kannst du auch dein Leben reparieren“, gibt der Yakuza dem jungen Mörder mit auf den Weg. Der reicht die Botschaft weiter. Das klingt fast nach Hollywood. Doch hier ist es ernst gemeint.

Heute 10 Uhr (Cinemaxx 3) und 14.30 Uhr (Arsenal)

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