Kultur : Mein Hirn ist ein Regal

FORUM „Wide Awake“ von Alan Berliner

Bodo Mrozek

Der Schlaf ist eins der letzten großen Menschheitsrätsel. Angeblich gehört er den Gerechten. Ohne Geld schläft es sich besser, und wenn wir schlafen, sind wir alle gleich. Warum wir aber schlafen, ist noch immer nicht erforscht. Fest steht, dass wir schlafen müssen – der eine mehr, der andere weniger.

Alan Berliner schläft nicht. Jedenfalls kaum. Der New Yorker Filmemacher, Medienkünstler und Autor leidet. Nachts schläft er nicht ein, morgens bekommt er die rot geränderten Augen kaum auf. Dieses Problem teilt er mit 30 Prozent der Industriegesellschaft, sein Film „Wide Awake“ betreibt Ursachenforschung und erhellt das tragikomische Problem eines Geplagten. Nichts, was er nicht schon versucht hat: Schäfchen zählen, Baldrian, Lavendel, warme Milch, Sex, Marihuana. Alles macht müde. Allein, es fehlt der Schlaf.

Berliner unterzieht sich einem Selbstversuch. Verdrahtet und verkabelt lässt sich der Schlaflose Puls und Hirnströme messen. Mikrofone zeichnen sein Schnarchen auf, Diagramme geben die Tiefschlafphase wieder. Doch selbst Ärzte und Schlafforscher können nicht helfen.

Das Einzige, was Linderung verschafft, sind Tabletten, und die nimmt Berliner bereits seit Jahren. Am Morgen ist er trotzdem unausgeschlafen, ein Zombie, wie er selber sagt, der die Welt nur verschleiert durch die Mattscheibe der eigenen Schlaflosigkeit sieht. Liegt es an den Genen? Berliner steigt ins Archiv seiner eigenen Familiengeschichte. Auf alten Super-8-Filmen findet er die vermeintliche Ursache: Alle sind hellwach, nur der Großvater wirkt müde. Musste der Großvater bei einem Autounfall sterben, weil er schlafwandelte? Oder war der Fahrer des Unfallwagens übermüdet? Das Thema Schlaf wird zur Obsession, die keinen verschont.

Berliner zerrt alle vor die Kamera: Mutter, Schwester, Ehefrau. Wie in einer Talkshow muss die Familie peinliche Fragen über sich ergehen lassen. Hat die Schlaflosigkeit ihren Ursprung in der Kindheit, als die Eltern jede Nacht stritten? Wird der neugeborene Sohn auch einmal an Schlaflosigkeit leiden? Dazu flimmert wie ein endloser Wachtraum das Material des 20. Jahrhunderts durchs Bild: Filmschnipsel von gähnenden Nilpferden, schnarchenden Schläfern, Schlaftablettenwerbung oder leeren Betten.

„Wide Awake“ wäre kein Berliner- Film, wenn es nicht auch das Werk eines manischen Sammlers wäre. Der Künstler lebt in einem Archiv. Was ihm in die Finger kommt, wird geordnet. Zeitungsausschnitte sortiert er in farbig markierten Kästen, ebenso seine (1986 in „Family Album“ dokumentierte) Sammlung privater 8-Millimeter-Filme. Ein Schrank dient als Geräuscharchiv, Fotos sind säuberlich sortiert. Gedanken schreibt der Ruhelose auf Zettel und ab damit ins Regal.

So entpuppt sich „Wide Awake“, der angebliche Dokumentarfilm über Schlaflosigkeit als Selbstporträt eines kreativen Zwangsneurotikers und Egomanen, der keine Ruhe vor sich selbst und seinem eigenen Schaffensdrang findet. Wer schläft, sündigt zwar nicht – aber er könnte etwas verpassen.

Heute 12.30 Uhr (Arsenal), 14. 2., 15.30 Uhr (Cinemaxx 3)

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