Kultur : Mein Image gehört mir

Kino der Accessoires: „Basic Instinct 2“ mit Sharon Stone – ein Wiedersehen nach 14 Jahren

Christiane Peitz

Was haben wir uns gestritten. Über Männerfantasien und Frauenpower, über die Prüderie Hollywoods oder ob die deutschen Linken noch verklemmter sind. Vor allem aber über die Frage, ob es nun ein Zeichen der Emanzipation oder der Diskriminierung ist, wenn eine Frau im Kino nicht die Opferrolle spielt, sondern das bad girl, ja sogar eine womöglich ganz fiese Täterin.

Paul Verhoevens „Basic Instinct“ war die Aufregung wert. Wegen Sharon Stone, die sich was traute. Okay, sie traute sich nackt vor die Kamera, aber das war nicht das Entscheidende. Nehmen wir nur die berühmteste „Basic Instinct“-Szene, in der Catherine Tramell alias Stone beim Verhör die übereinandergeschlagenen Beine auseinander schiebt, um zwischen ihren Oberschenkeln „die Abwesenheit von Unterwäsche zu enthüllen“, wie der „Guardian“ züchtig-ironisch formulierte. Der Anblick, oder genauer: die Ahnung des Anblicks von Tramells Vagina war deshalb ein Skandal (und wurde in den USA zensiert), weil das Publikum gleichzeitig Sharon Stones Blick ausgesetzt war. Jenem Blick, mit dem sie die verhörenden Männer taxiert, deren Nervosität und verlegenes Geifern. Es war ein überaus souveräner Blick: Seht her, besagte er, ich hab’ euch am Wickel, eure Geilheit steht in meiner Macht – und ich hab’ riesigen Spaß dabei. Und er sagte auch: Ich, die Schauspielerin mache mit meiner Rolle, was ich will. Mein Image gehört mir.

Überhaupt, der Spaß. Das Tolle an „Basic Instinct“ war, dass Hollywood in Zeiten, in denen die Traumfabrik den Sex tabuisiert und Sexidole wie Marilyn Monroe längst historisiert hatte, plötzlich wieder zugab, dass Sex etwas ist, das nicht in erster Linie der Fortpflanzung dient und Krankheiten verursacht. Sondern vor allem verdammt viel Spaß macht. Catherine Tramell treibt es mit Männern und mit Frauen, sie steht auf diesen vor Testosteron nur so strotzenden Hengst von Detective alias Michael Douglas – und sie ist am Ende keine Killerin, sondern eine liebende Frau. Ja, sie sagt sogar, sie wolle keine Kinder, und niemand beschimpft sie deswegen. Leute, bedeutete dieser Film, treibt es ruhig miteinander, und wenn ihr Lust darauf habt, nicht nur kuschelig-zärtlich, sondern auch mit Fesseln und Eispickel. Es ist cool, und es ist okay. Das war 1992.

Jetzt haben wir 2006 und „Basic Instinct 2“ in der Regie von Michael Caton-Jones („Der Schakal“) nach einem auf den Joe-Eszterhas-Figuren basierenden Drehbuch von Leora Barish und Henry Bean. Sharon Stone traut sich wieder was, 14 Jahre später, 14 Jahre älter. Denkt man, hofft man. Und ja, sie schlägt wieder die Beine auseinander – nur dass sie andersherum auf dem Stuhl sitzt. Die Lehne versperrt den Blick, ein großer, schwarzer, senkrechter Balken. Oder der Eispickel. Sie wiegt ihn in der Hand und zerstückelt damit – einen Eisblock. Ist das coole Selbstironie? Oder einfach nur klammes Sicherheitsdenken nach dem Motto: Diesmal verbiete ich mir selbst, was sich verbietet? Hat Catherine Tramell jetzt Lust an der Lustfeindlichkeit?

Tramell, die Thriller-Autorin, hat es nach London verschlagen, in ein äußerst durchgestyltes London. Die Schauplätze: Canary Wharf, eine Designer-Wohnung mit Egon Schiele an der Wand, eine Glas-Metall-Psychiaterpraxis in Norman Fosters phallischem Re-Swiss-Tower. Alles so High-Tech hier. Wieder wird Tramell des Mordes verdächtigt, aber nicht der Detective (David Thewlis) geht eine gefährliche Liaison mit der Tatverdächtigen ein, sondern der smarte Psychiater (David Morrissey). Eröffnet wird der Film mit einer 180-Stundenkilometer-Fahrt im Spyker Laviolette: Pilotin Catherine landet samt Sex-Partner in der Themse und muss ihr keineswegs nacktes Leben aus dem sinkenden Wagen retten. Aha: Gute Mädchen kommen in den Himmel, bad girls schnappen nach Luft.

Sharon Stone trägt sexy Kleider. Tiefe Ausschnitte, Rückendekolletés, Glitzerstoffe, Enganliegendes. Die Ledercouch bei Mister Psychologe knarzt leise, wenn sie sich drauf räkelt. Sexy (oder gar erotisch) ist sie trotzdem nicht, ihr Appeal beschränkt sich auf Accessoires. Der Vamp ist zur Kleiderpuppe erstarrt, mit auf jung, aber unnahbar geschminkter aalglatter Haut und dem immergleichen Gesichtsausdruck. Im ersten „Basic Instinct“-Film erinnerte ihre Erscheinung an Kim Novak in Hitchcocks „Vertigo“, in „Basic Instinct 2“ gemahnt sie an die Nudes von Helmut Newton. Eine konservierte, synthetische Sex-Ikone. Mein Image gehört immer noch mir, sagt ihre Gestalt, aber es ist mein Panzer.

Spaß? Na ja. David Morrissey ist nicht Michael Douglas, nur ein blasser Anzugträger. Und der atemabschnürende Gürtel, der wenigstens einmal ins Liebesspiel kommen darf, hatte vorher bereits als Mordinstrument fungiert. Unangenehmer Anblick. Bei „Basic Instinct 1“ schillerten die Bedeutungen, hielten die Balance zwischen mörderischer und spielerischer Gewalt, zwischen fact und fiction. Diesmal ist der Bezug eindeutig negativ. An diesem Sex hat keiner Spaß, wird er doch gleichsam mit spitzen Fingern in Szene gesetzt, wenn nicht, wie in Londons schmuddeligem Rotlichtbezirk, mit Abscheu. Getrennte Welten: hier die saubere Upperclass, dort die schäbige Unterwelt. Hier wird die Risikolust der potentiellen Delinquentin wortreich beschworen und analysiert, dort lebt man die Risiken – und geht dabei drauf.

In „Basic Instinct“ war die wahre Mörderin am Ende eine Lesbe. Auch darüber stritten wir heftig, wegen der Homophobie. Über „Basic Instinct 2“ lohnt sich keine Debatte. Die einzige Frau, die Catherine Tramell diesmal das Wasser reichen kann, ist die Mentorin des Psychiaters. Charlotte Rampling – die Schöne, die Kluge! Michael Caton-Jones zeigt sie hässlich wie nie. Darauf einen Eispickel.

Ab morgen in 18 Berliner Kinos; Originalversion im Cinestar Sony Center

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