"Mein Kampf" in Weimar : Als wär’s die Büchse der Pandora

Das Buch, das niemand gelesen haben wollte: Die Berliner Dokutheater-Gruppe Rimini Protokoll bringt in Weimar Hitlers „Mein Kampf“ auf die Bühne.

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Buchrestaurator Matthias Hageböck (links) und Rapper Volkan T Error präsentieren ausländische „Mein Kampf“-Ausgaben.
Buchrestaurator Matthias Hageböck (links) und Rapper Volkan T Error präsentieren ausländische „Mein Kampf“-Ausgaben.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Es ist wieder da. Und war doch nie wirklich weg. Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Ein Buch, das zugleich als Unbuch gilt und – gelesen, angelesen, ungelesen – eine dämonische Aura hat, bis heute.

Der erste Band von „Mein Kampf“, mit dem Untertitel „Eine Abrechnung“, ist vor 90 Jahren, Juli 1925, im Münchner Verlag Franz Eher erschienen. Hitler hatte das Buch während seiner einjährigen Haftzeit in der Festung Landsberg, nach seinem gescheiterten Novemberputsch 1923, verfasst. Der zweite Band („Die nationalsozialistische Bewegung“) folgte dann zur Jahreswende 1926/27. Obwohl der Autor noch keine politische Größe war, nur ein auffälliger Redner und Radikaler, hatte der Verlag vom ersten Band gleich 10 000 Exemplare zum damals stolzen Preis von 12 Reichsmark gedruckt. War Hitler einst als Kunstmaler noch gescheitert, so hatte er als Autor auf Anhieb Erfolg. Bis zu seiner Machtergreifung im Januar 1933 betrug die Auflage bereits 241 000 Exemplare.

Danach schnellten die Verkaufszahlen empor. Es gab immer neue Volksausgaben und Sondereditionen (für die Gauleiter eine Großversion in weißem Leder mit Goldschnitt), Brautpaare erhielten die neue „deutsche Bibel“ auf dem Standesamt – Endauflage bis 1945 etwa 12,5 Millionen Stück, weit mehr als Karl May. Auf Hitlers Konto wurde nach Kriegsende eine Honorarsumme von 15 Millionen Reichsmark festgestellt, davon waren acht Millionen abgerufen worden, der Rest lag noch auf der Bank.

Das gesetzliche Urheberrecht von "Mein Kampf" läuft aus

Dieses Detail gehört zu den interessanten Informationen eines Theaterabends, der „Adolf Hitler: Mein Kampf“ heißt. Rimini Protokoll, die international erfolgreiche Berliner Dokugruppe, hat die Uraufführung beim Kunstfest Weimar herausgebracht; danach reist „AH:MK“ nach Graz und an die Münchner Kammerspiele, zum Start der Intendanz von Matthias Lilienthal (in dessen Berliner HAU die Riminis einst groß geworden sind), es folgen Zürich, Athen und Anfang 2016 Berlin.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es dann auch eine Neuausgabe von „Mein Kampf“ – weil Ende 2015, 70 Jahre nach Hitlers Tod, das gesetzliche Urheberrecht ausläuft. Bisher war das Buch in Deutschland tabuisiert, politisch-moralisch und auch juristisch, weil der Bayerische Staat als Erbe des von der US-Militärverwaltung 1945 konfiszierten Hitler-Vermögens (er hatte seinen Wohnsitz in München) eine Wiederauflage untersagt hatte.

Im Internet ist der Buchtext leicht zu finden

Dieses Tabu gilt bis jetzt freilich nur für eine neue deutsche Printausgabe. Im Internet steht der Text längst zum Download bereit, und es gibt das nach 1945 von Millionen Haushalten hastig entsorgte Buch bei Antiquaren. Der Besitz oder die Weitergabe älterer Ausgaben ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs nicht als verfassungswidrige Propaganda verboten, da das Werk vor Inkrafttreten des Grundgesetzes entstanden ist. Zudem kursiert das Buch in praktisch allen Weltsprachen rund um den Globus. Hitler sells. In arabischen Ländern ist „Mein Kampf“ wegen seiner antisemitischen Stellen ein Hit, in Indien konkurrieren gleich mehrere Übertragungen, und eine japanische Mangaversion scheint den „Kampf“ eher krampflos zu nehmen. Selbst in Israel wurde Hitlers Schrift auf Hebräisch herausgegeben, in kleiner Auflage, zu Studienzwecken. Und der amerikanische Verlag Random House, der die englischsprachigen Rechte schon in den dreißiger Jahren erworben hatte, spendet all seine Erlöse aus „Mein Kampf“.

Die Riminis haben an ihrem Projekt zwei Jahre gearbeitet, mit wie immer profunder Recherche. Als einer der „Experten des Alltags“, so heißen die jeweils wegen ihrer Nähe zu einem Thema ausgesuchten Nichtschauspieler, sollte ursprünglich auch der Historiker Othmar Plöckinger auftreten. Plöckinger hat 2006 ein Standardwerk zur Entstehung und Wirkungsgeschichte von „Mein Kampf“ publiziert und ist Mitarbeiter der vom Münchner Institut für Zeitgeschichte vorbereiteten Neuausgabe des Hitler-Buchs.

„Mein Kampf“ wird in der ab Januar im Buchhandel erhältlichen wissenschaftlich-kritischen Edition ebenfalls zwei Bände umfassen. Doch aus 781 Druckseiten werden dann rund 2000, mit 3700 Fußnoten plus Kommentaren. Sie sollen Hitlers Quellen offenlegen (zu denen etwa die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ gehörten) oder bei den Schilderungen der Braunauer Kindheit und den Armutsjahren in Wien oder den Weltkriegserfahrungen, ebenso wie bei den rein politischen Passagen, zwischen Selbstverklärung, Propaganda und Wahrheit unterscheiden. Sicher keine verführerische Lektüre für Neonazis.

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