Mein KUNSTSTÜCK : Vorsicht, kein Sprengstoff!

Kolja Reichert riskiert Blicke auf Kinderbilder

Kolja Reichert

Eine Kinderzeichnung wird zur Staatsbedrohung. Ein Mensch, ein Haus, eine Sonne, krakelig gemalt. Die Unschuld der Darstellung steht in Kontrast zum bürokratischen Ernst des Formulars, das darüber hängt. „Inhalt gefährdet die Sicherheit der Anstalt“, steht dort. Die Zeichnung könnte ja zur Nachrichtenübermittlung unter Terroristen dienen. Die Ausstellung Beschlagnahmt im Kunstraum After the Butcher zeigt Objekte, die dem RAF-Mitglied Rolf Heißler während seiner 22 Jahre Haft ins Gefängnis geschickt wurden – und ihn nicht erreichten, weil die Anstalt ihnen nicht traute: die Adventskarte nicht, weil nicht zu kontrollieren war, was sich zwischen der zusammengeklebten Pappe verbarg; das Taschenschachspiel nicht, weil jede Figur hätte überprüft werden müssen. Sprengstoff sucht der Besucher hier vergebens. Durch ihre Profanität bringen die Gegenstände die politische Bedeutung, mit der sie aufgeladen sind, besonders deutlich zutage. Die Sedimente des Postverkehrs bilden eine Archäologie der gegenseitigen Kontrolle. Sie bieten Einblicke in beide Seiten: die des nervösen Staatsapparats und die seiner in starren Mustern verharrenden Gegner.

After the Butcher, Spittastr. 25, bis Sa 17. 11., Do-Sa 15-19 Uhr

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