Kultur : Mein langer Sonntag

Chronist und Träumer: Der Berliner Schriftsteller Christoph Hein wird heute 60 Jahre alt. Ein Gespräch

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Herr Hein, Ihr jüngster Roman „Landnahme“ spielt in einer sächsischen Kleinstadt während der Nachkriegs und Wendezeit. Hätte der Chronist, als der sie sich einmal bezeichnet haben, nicht über Ereignisse wie den Aufbruch Tausender in den Westen, über Stasi und Partei schreiben müssen?

Das wäre politisch korrekter gewesen, aber auch ein sehr ideologischer Gesichtspunkt. Literatur hat mit Political Correctness nichts zu tun. Der politisch inkorrekteste Roman des 20. Jahrhunderts ist einer der bedeutendsten: Nabokovs „Lolita“.

Nach dem Tod Ihrer Frau vor zwei Jahren haben Sie das Kinderbuch „Mama ist gegangen“ geschrieben. Haben Sie das für Ihre Familie getan?

Eigentlich schreibe ich immer für mich. Ich bin der Leser, dem ein Text genügen muss. Und sobald ich mich langweile, weiß ich, dass sich auch der Leser langweilt. Dann unterbreche ich oder schmeiße weg und beginne neu.

Als 17-Jähriger wurden Sie von der DDR kassiert. Sie waren am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, in Dresden. Ihr Wohnsitz war seit 1958 in Westberlin, wo Sie das Abitur gemacht haben. Was war das für ein Tag?

Ein Sonntag. Ich wurde früh wach, hörte die Nachrichten und wusste, dass ich keinen Griechischunterricht mehr haben werde.

Haben Sie es bereut, damals nach Dresden gefahren zu sein?

Da gab es nichts zu bereuen. Das war eine Entscheidung, die nicht ich getroffen hatte. Und dann gab es eine längere Zeit der Bestrafung, weil ich zwei Todsünden begangen hatte: Ich war Pfarrerssohn und außerdem abgehauen .

Wie hat sich das gerächt?

Da ich nicht auf die Schule gehen durfte, wollte ich Tischler lernen, aber das wurde mir nicht erlaubt. Buchhändler ging, weil das ein schlecht bezahlter Frauenberuf war. Das galt auch als Strafe. Ich wurde zuerst von der Abendschule runtergeschmissen. Zwei Jahre später klappte das dann. Da war alles schon ein bisschen vergessen. Aber nicht ganz: Als ich an der Filmhochschule studieren wollte, wurde ich nach einer Woche wieder exmatrikuliert, weil ein Minister etwas dagegen hatte. So studierte ich Philosophie und Logik, was nicht unbedingt mein Interesse war.

War es damals schon das Schreiben?

Ich habe mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben – jedes Jahr drei Stücke.

Sie haben in verschiedenen Berufen gearbeitet, vor allem an der Ostberliner Volksbühne als Hausautor unter Benno Besson. Wie haben Sie sich als Autor freigeschwommen?

Ich habe 1979 an der Volksbühne gekündigt, weil Besson wegen zu vieler Zensurgeschich ten die Intendanz abgab und das Land verließ. Da musste ich überlegen, womit ich mein Geld verdiene, habe meine Texte zusammengepackt und bin zu einem Verlag gegangen. Und wie ich zu Besson gegangen war, weil er der beste Regisseur war, ging ich zum besten Verlag der DDR, dem Aufbau Verlag. So erschien 1982 die Novelle „Der fremde Freund“, in Westdeutschland veröffentlicht unter dem Titel „Drachenblut“, die dann weltweit übersetzt wurde.

Haben die Aufbau-Lektoren versucht, Ihnen politische Vorschriften zu machen?

Der Verlag stand auf der Seite der Autoren, ganz besonders Elmar Faber, der den Verlag führte. Er hat „Horns Ende“ 1985 ohne Druckgenehmigung veröffentlicht und dabei Kopf und Kragen riskiert. Es war das erste und letzte Buch in der DDR, das ohne Druckgenehmigung erschienen ist.

Von 1974 an haben Sie elfmal das Ende der DDR beschrieben, bevor sie tatsächlich unterging. War es so früh absehbar?

Ich war kein Prophet. Man konnte es sehen und erkennen. Und ich war ja nicht allein, sonst hätten diese Arbeiten nicht eine solche Resonanz gehabt.

Und der Sicherheits- und Zensurapparat der DDR ließ Sie gewähren?

Es gab immer Ärger. Geändert habe ich nie. Aber die Stücke lagen dann bis zu zwölf Jahren und wurden nicht veröffentlicht, so wie etwa das „Cromwell“-Stück von 1980. Manche Texte habe ich dann nach zwei bis drei Jahren nach Westdeutschland gegeben.

Kurz vor dem Fall der Mauer am 9. November 1989 plädierten Sie in einer Rede auf dem Berliner Alexanderplatz dafür, die gesetzliche Grundlage für einen wahrhaftigen „demokratischen Sozialismus“ zu schaffen. Glaubten Sie an eine bessere DDR?

Mir war schon damals klar, dass eine von Zwängen freie Gesellschaft nicht herstellbar ist, jedenfalls nicht in dieser Welt. Das ist ein Menschheitstraum durch vier Jahrtausende hindurch. Denn was die Väter der sozialistischen Idee im 18. und 19. Jahrhundert sagten, ist nicht viel mehr als die ins Ökonomische gewendete Bergpredigt aus dem Neuen Testament. Den Traum einer menschlicheren Gesellschaft wird es immer geben. Der ist auch mit dem Sieg des Kapitalismus nicht vorbei und wird sich umso heftiger bewegen. Tut er ja auch gerade.

Was ließ Sie vor der Wiedervereinigung zurückschrecken, gegen die Sie sich noch am 4. November aussprachen?

Da ging es um die Reform der DDR. Fünf Tage später öffnete die DDR-Regierung aus einem einzigen Grund die Mauer: über Reiseerleichterungen ihr marodes System zu halten. Sie ahnten nicht, dass mit der Maueröffnung das ganze System davonflattern würde. An dem Tag war mir klar, es ist alles vorbei, von einer DDR wird nicht mehr geredet. Ich habe dann auch diese Aufrufe der Bürgerbewegung „Für unser Land“ nicht mehr unterzeichnet. Das fand ich geschichtslos, jenseits jeder Realität. Da hätte ich auch gegen den Regen anschreiben können.

Haben Sie zu Ihrem 60. Geburtstag einen besonderen Wunsch?

Warum? Ich weiß am Morgen nicht, wo ich am Abend lande. Ich hoffe, dass ich die Arbeit, an der ich gerade sitze, zu einem guten Ende bringe.

Das Gespräch führte Anne Przybyla.

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