Kultur : Mein Leben als Cherokee

Vor einem Jahr starb Punk-Idol Joe Strummer. Nun erscheint sein Nachlass

Lorenz Maroldt

Ein hypnotischer Bass, zwei stahlklare Gitarrenakkorde; es knistert. Und dann diese Stimme: „All transmitters to full, all receivers to boost: This is London Calling!“ – ein Befehl, eine Kundgebung, ein Statement; blechern, analog, wie aus einem alten Radio. Oder aus dem Jenseits.

Joe Strummer ist am 22. Dezember vergangenen Jahres gestorben. Nicht an einem Herzinfarkt, wie es zunächst hieß, sondern an einem unentdeckt gebliebenen, angeborenen Herzfehler. Fünfzig Jahre hatte er in ständiger Gefahr gelebt, ohne es zu wissen. Die Nachrufe waren Hymnen auf einen der einflussreichsten Rockmusiker der vergangenen Jahrzehnte. Und heute ist er plötzlich wieder da: auf einem neuen, fantastischen Album seiner letzten Band, den Mescaleros, und in einem berauschend lebendigen Bildband von Bob Gruen über The Clash, seine erste große Band.

Es könnte Strummer gefallen haben, dass es ihn zu spät im Advent erwischt hat, um noch schnell als frische Rock’n-Roll-Leiche unter den Weihnachtsbaum zu kommen mit irgendwelchen Ramschmixen alter Clash-Alben oder schnell zusammengeschusterten Biografien. Wieder mal Pech für die Musikindustrie, die mit Strummer wegen seiner Unberechenbarkeit öfter Schwierigkeiten hatte. Ein kleines bisschen Revolte selbst am Ende – das passt zu ihm, auch wenn das Frühwerk „London Calling“, das er bei jedem Konzert spielte, egal mit welcher Band, noch im selben Jahr für James Bond entwendet und verhackstückt werden durfte. Die Werke der Mescaleros und Bob Gruens Buch dagegen sind Liebeserklärungen an einen Freund.

Als Strummer starb, arbeiteten die Mescaleros gerade an ihrem dritten Album. Strummer, nach einem gemeinsamen Konzert mit Mick Jones voller neuer Ideen und etwas abgekommen von den weltmusikalischen Anklängen der vergangenen Jahre, war seit Anfang Dezember im Studio. Aber nur zwei Stücke, das powerpoppige „Coma Girl“, in dem er einen Besuch des Reading-Festivals mit seiner Tochter beschreibt, und das spätclashige „Get Down Moses“ waren bis zu jenem 22. Dezember komplett aufgenommen. Bei manchen Stücken fehlte noch Strummers Gesang, bei anderen der Sound, von einigen gab es nur eine Idee. Doch Strummers Frau Lucinda drängte die Bandmitglieder Martin Slattery und Scott Shields schon zwei Wochen nach Joes Tod, aus dem verhandenen Material Stücke für eine Veröffentlichung herauszuarbeiten. Das Angebot der früheren Clash-Kollegen Mick Jones und Paul Simonon, Aufnahmen von Strummer zu komplettieren und die Band auf diese Weise quasi teilpostmortal wieder zu vereinen, lehnte sie ab.

Es gibt viele Vorbilder für derartige Operationen; die meisten misslangen. So ließen Mitte der Neunzigerjahre Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr die Beatles wiederauferstehen: Sie bearbeiteten alte Bänder mit dem Gesang von John Lennon und machten ein Stück daraus. „Free As A Bird“ blieb seltsam tot.

Posen & Parolen

Strummer aber lebt auf „Streetcore“, energisch, pulsierend, kämpferisch, gefühlvoll, direkt wie seit Jahren nicht mehr. Das ist ein kleines Wunder. Slattery und Shields haben musikalische Fundstücke zu einem Kunstwerk zusammengesetzt, das ganz natürlich klingt. Für „Midnight Jam“ etwa fehlte der Gesang. Da erinnerten sie sich an die Auftritte Strummers als Gast-DJ bei der BBC. Aus den Moderationen schnitten sie heraus, was sie brauchten, auch jenes programmatische „All transmitters to full, all receivers to boost: This is London Calling!“. Zwei Aufnahmen folkigerer Stücke, „Redemption Song“ von Bob Marley sowie „Long Shadow“, tauchten in Los Angeles auf. Strummer hatte dort im Studio von Rick Rubin bei den Sessions für ein neues Album von Johnny Cash mitgespielt. Ein Duett von Strummer und Cash soll demnächst veröffentlicht werden.

Die Rohfassung von „All In A Day“, ein frühclashiges Stück, entstand bei einer Producer-Session mit Danny Saber. „Silver And Gold“ war für die vorherige CD „Global a Go-Go“ aufgenommen, aber nicht veröffentlicht worden. „Ramshackle Day Parade“, „Burning Streets“ und „Arms Aloft“, mit dem der Aberdeen FC im heimischen Stadion neuerdings seine Gegner empfängt, existierten als Grobaufnahmen mit Strummers Gesang. Um den herum spielen Slattery und Shields nun so, wie sie glauben, dass er es gewollt haben könnte. Die letzten Worte auf „Streetcore“ sind ein Kommentar Strummers im Studio nach einer geglückten Aufnahme: „Okay, that’s a take!“ Yes! Und Seitenwechsel.

Der Fotograf Bob Gruen begleitete Strummer und die Clash seit 1976, dem Gründungsjahr, bis zu den triumphalen und finalen Auftritten in Amerika Anfang der Achtziger. Die 350 ausgewählten Bilder in Farbe und Schwarz-Weiß zeigen, welch enorme Energie von der Band ausging, vor allem aber, welch großen Wert sie auf Styling, Posen und Parolen legte, wie sie Moden erfand und prägte. Dazu lässt Gruen die Bandmitglieder und ihre Begleiter Geschichten erzählen.

Interessant ist der Kontrast zwischen den gestellten Bildern und den zufälligen. Da verwandelt sich die eben noch zur Schau gestellte Coolness unmittelbar vor einem Auftritt im JFK-Stadium in Schüchternheit; und nach einem solchen Auftritt irrt Strummer fröhlich durch ein Spiegellabyrinth. The Clash über den Dächern von New York und in nassen nordenglischen Kellern, im Tour-Bus-Elend, Backstage mit Fans und Kollegen wie Ian Dury, John Cale, Patti Smith, Pete Townshend, Mick Jagger, Johnny Thunders und Alan Vega. Ausgeschlagene Zähne, vermüllte Zimmer; unterwegs mit Bo Diddley. Strummer, der sich im Land der Indianer doch noch einen Irokesenschnitt zulegt. „Als ich jünger war“, sagt Joe, „habe ich ein Buch über Indianer gelesen. Darin stand, dass ein Cherokee, der vor einer Entscheidung steht, immer die waghalsigere Alternative wählt. Und ich dachte immer: Na los! Das Leben macht ja keinen Spaß ohne waghalsige Entscheidungen.“ Na dann.

Joe Strummer & The Mescaleros: Streetcore. Hellcat Records 2003.

Bob Gruen: The Clash, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2003. 288 Seiten, 350 Abbildungen, 49,80 €.

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