Kultur : Mein Leben als Fototapete

Einmal Autist sein: Polleschs „Tod des Praktikanten“ im Berliner Prater

Andreas Schäfer

Das Tolle an Soaps: Falls man die letzten Folgen verpasst hat, genügt ein Anruf, und man ist wieder auf dem Laufenden. Aber gilt das auch für René Pollesch, den ungekrönten Seriengroßtäter des deutschen Theaters?

– Was, schreit der befreundete Polleschianer ungläubig ins Telefon. Deine letzte Inszenierung war „Stadt als Beute“? Das ist doch Ewigkeiten her. Da hast du ja Polleschs phänomenale künstlerische Entwicklung verschlafen.

– Wird denn nicht mehr so viel geschrieen und über die „neoliberale Scheiße“ geflucht? (Doch der Freund hat nicht zugehört)

– Salzburg! Bruno Ganz! Tobias Moretti mit und ohne Schäferhund. Alles verpasst. „Capuccetto Rosso“ oder „Telefavela“. Die Hinwendung zum Dialogischen in Phase drei. Oder: Sophie Rois als Florian Henckel von Donnersmarck! Kamin, Ledersessel, ein unbewegter Volker Spengler! Die subtile Koketterie mit Methoden des Boulevards bei gleichzeitiger Desavouierung des sogenannten Repräsentationstheaters in Phase vier: „L’affaire Martin“ (seine Stimme wird vertraulich). Da taucht übrigens auch schon ein Praktikant auf.

– Es wird also weniger geschrieen?

– Ja. Aber noch immer sehr schnell gesprochen.

– Welcher Diskurs ist denn gerade mit welchem liiert? Damals war die „Globalisierung“ gerade unglücklich in die „Stadtplanung“ verschossen.

– Die „Stadtplanung“ ist schon lange ausgestiegen. Jetzt turtelt das „Feld des Anderen“ heftig mit dem „Realen“.

– Wie? Der „Körper“ ist wieder aufgetaucht?

– Ja. Aber nur als „unsichtbarer Geist“, als Schatten des „Prekariats“.

– Der „Körper“ als „unsichtbarer Geist“? Interessant. Sitzt eigentlich die gute alte „Einfühlung“ noch immer am Katzentisch bei Wasser und Aldi-Toastbrot und träumt von ihrem großen Auftritt?

– „Einfühlung“? Keine Ahnung. Ist mir nie aufgefallen.

Das Gespräch ging noch eine Weile weiter, aber wie sich herausstellt, wäre es gar nicht nötig gewesen. Denn auch ohne Vorbereitung ist man sofort in der neuen Pollesch-Folge drin, die den Titel „Tod eines Praktikanten“ trägt und im neuen Bühnenbild von Bert Neumann im wiedereröffneten Prater an der Kastanienallee spielt. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Fototapeten, auf denen Läden und Häuserfassaden der Kastanienallee abgebildet sind. Draußen wird also nach drinnen geholt. Das „Reale“ steht tatsächlich im Zentrum, allerdings als Abwesendes, denn ein Foto vom „Kastanien-Imbiss“ ist nicht der Imbiss selbst. Vor, hinter und zwischen den Fotowänden bewegen sich Inga Busch, Christine Groß, Nina Kronjäger in weißen Hochzeitskleidern von H&M und würden gern etwas über einen toten Praktikanten erzählen, also über das Schicksal eines heutig Unterprivilegierten. Das ist unmöglich. Und diese Ohnmacht ist das Thema des Abends. Ein Privilegierter kann nämlich nicht für einen Unterprivilegierten sprechen, weil er dann so tut, als hätte der sogenannte Unterprivilegierte keine Sprache. Die Anmaßung ist obszön, und an dieser Obszönität leiden die Schauspielerinnen. Irgendwas muss aber trotzdem gespielt, also „repräsentiert“ werden. Aus dieser Paradoxie gibt es kein Entkommen, zumindest nicht auf der Bühne, nur verzweifelt lustiges Um- Kopf-und-Kragen-Reden.

Das Sinnbild des paradox Obszönen bildet Sigourney Weaver, die in dem Film „Snowcake“ eine Autistin spielt und hinterher behauptet, man müsse, um Autisten besser zu verstehen, wie ein Autist wahrnehmen. Statt das Rätsel des „toten Praktikanten“ zu lösen, müssen die drei sich immer wieder als Sigourney Weaver, beziehungsweise als gespielter Autist auf dem Boden suhlen. Jedes Mal, wenn sie von sich und ihrem Dilemma erzählen wollen, ist zwangsläufig auch das nicht möglich. Glücklicherweise ist der Anspielungsreichtum und das Filmgedächtnis Polleschs unerschöpflich, und so bieten sich im Moment des Verschwindens die Hilfsidentitäten des Schauspielers Hans Moser und des Fotografen Wolfgang Tillmans an, der in London „viel unbürokratischer mit Praktikanten“ arbeiten kann. Das Jonglieren mit den Motiven, das Rollenrein- und -raus, die zu bewältigenden Textmassen und das hohe Erregungspotenzial der Ohnmacht: witzig – einige zähe Passagen eingeschlossen – ist auch diese Folge. Aber Hinwendung zum Dialogischen? Subtile Methoden des Boulevardesken? Phase fünf erinnert verdächtig an Polleschs Anfänge.

Wieder heute und am 2., 3., 10., 15., 16. 2.

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