Kultur : Mein Leben als Kotelett

Der Zeichner Marcel van Eeden erfindet Biografien. Das Haus am Waldsee präsentiert seine Serien

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Auftritt Kabarett. Van Eedens Figuren spielen absurdes Theater. Foto: Haus am Waldsee
Auftritt Kabarett. Van Eedens Figuren spielen absurdes Theater. Foto: Haus am Waldsee

Das Leben nach dem Tod interessiert ihn nicht. Umso mehr das Leben vor seiner Geburt. Marcel van Eeden sucht nach Bildern und Ereignissen vor dem 22. November 1965, seinem Geburtstag. Und doch schreibt er sich in die Geschichte ein. Denn der holländische Zeichner ist ein Schöpfer von Biografien: von Menschen, die es tatsächlich gegeben hat, aber deren Leben er hemmungslos ausschmückt. Da wäre zum Beispiel K. M. Wiegand, ein historisch verbürgter Botaniker. In van Eedens Bilderserien, die das Haus am Waldsee präsentiert, taucht der Wissenschaftler jedoch auch als Lebensgefährte von Hollywood-Diva Rita Hayworth auf. In der nächsten Zeichnung ist er Künstler, dann Reporter, Boxer oder US-Admiral.

Die Wiegand-Serie zeigte der gebürtige Belgier zuerst 2006 auf der Berlin Biennale. Die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz kaufte damals die Arbeit an. Seitdem ist viel passiert. Van Eeden wurde von einem Tag auf den anderen bekannt. Seitdem illustriert er das Spielzeitheft des Deutschen Theaters, und im vergangenen Jahr war er mit einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Auch sein Wiegand hat sich weiterentwickelt. Er taucht in Kriminalfällen auf, und neue Figuren gruppieren sich um ihn.

Matheus Boryna soll ein Sammler gewesen sein, der sich auf Kunst von Geisteskranken spezialisiert hat. Van Eeden zeichnet nicht nur seine Exponate, sondern auch eine Ansicht des Ausstellungshauses. Wen wundert’s, kein Geringerer als K. M. Wiegand ist natürlich der Architekt gewesen. In anderen Episoden sind die Männer in einen Mordfall verstrickt. Zusammen mit einem gewissen Oswald Sollmann, der die Hauptrolle in einer Serie spielt, die der Künstler für das Haus am Waldsee gezeichnet hat, waren die drei Männer einst in einem Zürcher Kabarett aufgetreten. Als Koteletts. Van Eeden befreit sich und – dafür gebührt ihm aufrichtiger Dank – den Besucher von aller Ernsthaftigkeit des Kunstbetriebs.

Dazu gehört auch, dass die Ausstellung aussehen soll wie eine Ausstellung. Van Eeden hat die elf Serien mit fast 500 Blättern selbst gehängt, er hat seriöse Wandfarben gewählt und Titel über jede Serie schreiben lassen, so wie das in Museen eben üblich ist, wenn man Exponate aus verschiedenen Sammlungen zeigt. Außerdem scheinen manche Objekte in seinen Zeichnungen aus den Bildern herausgesprungen zu sein. Van Eeden baut seit Neuestem Skulpturen aus Pappe. Abbildungen aus den fünfziger und sechziger Jahren diktieren ihm das: Da ist in typischen Ausstellungsfotos immer eine Skulptur zwischen abstrakter Malerei zu sehen. Und weil diese Bilder schwarz-weiß sind, sind auch die Objekte des Niederländers schwarz.

Mit van Eeden setzt das Haus am Waldsee seine Reihe von Künstlern fort, die in ihren Arbeiten Trash und Banales, Zeitungsausschnitte und Comics verarbeiten. Wie Frank Nitsche, Arturo Herrera oder Corinne Wasmuht verfügt auch van Eeden über ein riesiges Bilderarchiv, das er am Computer auf der Suche nach passenden Vorlagen durchklickt. Jahrelang hat van Eeden täglich ein Bild für seine Serien gemalt. Manchmal wusste er selbst nicht, wie die Geschichte am nächsten Tag weitergehen sollte.

Schriftsteller wollte der heute in Zürich und Berlin lebende Künstler einst werden. Wenn er nun mit Kohlestift zeichnet, dann produziert er keine Illustrationen zu Film-Noir-Stories, sondern inszeniert zugleich ein dadaistisches Zuwiderlaufen der Erzählung. Bild und Untertitel passen oft nicht zusammen, Handlungsstränge brechen unvermittelt ab.

Die Ausstellung „Schritte ins Reich der Kunst“, die nach Berlin ins Kunstmuseum St. Gallen und zur Mathildenhöhe Darmstadt wandert, ist ein Gesamtkunstwerk. Man kann sich an der handwerklichen Könnerschaft erfreuen, an den düster-skurrilen Krimifällen – und an der Idee des Ganzen. Worin besteht die Erinnerung an einen anderen Menschen? Welche Spuren hinterlassen wir? Die verschiedenen Fäden, die van Eeden mit seinen Serien unsichtbar durch die Räume spinnt, verdichten sich zum Netz.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 30. 1.; Di-So 11-18 Uhr.

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