Kultur : Mein Leben als Straßenköter

Harte Droge Wirklichkeit: Das Sprengel-Museum in Hannover versammelt „Soziale Kreaturen“

Christina Tilmann

Hundegebell hallt durch den Raum. Die Kamera schwankt über einen sandigen Weg, Kakteen kommen ins Bild, dann drei streunende Straßenköter. Erst bellen sie nur, kommen schnüffelnd näher, dann knurren sie und springen los. Scharfe Zähne, ein roter Rachen in Nahaufnahme, das harte Klacken, als die Zähne auf die Linse treffen. Das Gebell wird aggressiver, die Kamera bewegt sich hektischer. Dann fällt sie hin, liegt am Boden, Schritte entfernen sich, die Hunde auch. Sekundenlang nur staubiger Boden, heller Himmel. Dann sind die Hunde zurück, schnüffeln an der Kamera. Die Leinwand wird schwarz.

Die kurze Videoarbeit „El Gringo“ von Francis Alys ist nicht nur akustisch dominierend in der Ausstellung „Soziale Kreaturen. Wie Körper Kunst wird“ des Sprengel-Museums Hannover. Sie ist auch inhaltlich herausragend. Weil sie das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Realität auf den Punkt bringt: Eine Situation, die vom Künstler provoziert wird, entwickelt eine unsteuerbare Eigendynamik. Der Körper, sonst häufig nur Aktvorlage, wird als real, als verletzlich erfahren. Und als sozial gebunden: Nicht umsonst kommen viele der in Hannover gezeigten Positionen aus Ländern, in denen „sozial“ und „Kreatur“ kein Gegensatz sein muss. Die existenzielle Bedrohung einer Megastadt wie Mexico City (Francis Alys, Santiago Sierra), die religiös geprägte Gesellschaft in Brasilien (Carlos Nader), die Rolle der Frau im Iran (Ghazel), die Sommerfrische an der Krim samt sozialistischer Freikörperkultur (Boris Mikhailov).

Mehr als antippen kann die von Patricia Drück und Inka Schube erarbeitete Ausstellung die Themen kaum, dafür sind es zu wenige, auch zu heterogene Positionen. Und doch setzen sie häufig die richtigen Fährten. Nicht von ungefähr sind es oft Europäer, die den Realitätskick in Mexiko suchen. Der Belgier Alys, seit 1987 in Mexiko lebend, ist eine der aufregendsten Entdeckungen der letzten Jahre. Mit seinen als Performances angelegten Stadtspaziergängen, den „Paseos“, bringt er das Leben in die Kunst zurück, in existenzieller Engführung. Einmal geht er mit einer entsicherten Pistole durch Mexico City, bis die Polizei ihn stellt, ein andermal zieht er einen Eisblock durch die Straßen, bis das Eis geschmolzen ist. In „El Gringo“ hat er, der Fremde, sich der Konfrontation mit den Hunden ausgesetzt, in einem Vorort der Stadt.

Auch Santiago Sierra, spanischer Performance-Star, hat sich seine Ziele in MexicoCity gesucht: indem er dortige Billiglohn-Arbeiter dazu anhielt, eine herausgeschlagene Wand einer Galerie im Winkel von 60 Grad anzuheben. Oder indem er Indianerinnen, die des Spanischen nicht mächtig waren, einen Satz auswendig lernen ließ. Die spektakuläre Aktion, bei der acht Personen dafür bezahlt wurden, stundenlang in Pappkartons auszuharren, war auch in Berlin, in den „Kunst-Werken“ zu sehen. Erst in den jüngeren Arbeiten, in denen er (auf der letztjährigen Biennale in Venedig) alle nichtspanischen Besucher vom Pavillon-Besuch ausschließt oder Flüchtlinge aus Afrika im Hafen von Barcelona vor Anker gehen lässt, rückt Sierra näher an Europa heran.

Ausbeutung, Gefährdung, auch – im Fall von Carlos Nader, der in Brasilien einen „Serial Kisser“ dokumentarisch begleitet – Fanatismus: Offenbar wird der Körper dort Kunst, wo Kunst politisch wird. Verglichen damit wirken die europäischen Positionen denkbar harmlos. Der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov, seit einiger Zeit in Berlin ansässig, hat Anwohner am Rande der Großstadt fotografiert: auf dem Flohmarkt, am Imbissstand, auf der Parkbank. Formal bestechende, inhaltlich erschreckend banale Alltagsbilder. Der Franzose Pierre Huyghe fotografiert Straßensituationen, plakatiert diese Aufnahmen dann vor Ort und fotografiert sie erneut: ein raffiniertes Spiel mit Wirklichkeit und Inszenierung. Ben Judd aus London streift mit der Kamera durch die Straßen, auf der Suche nach einer Erinnerung. Aus dem Auto heraus beobachtet er Passantinnen, hält ihnen ausgeschnittene Köpfe aus den „Film Stills“ von Cindy Sherman vor. Jede Erinnerung ist Projektion. Max Baumann aus Leipzig konfrontiert Fotografien aus dem Operationssaal mit idyllischen Naturfotografien: Pflanzen, Kreaturen, wohin man blickt.

Das letzte Wort hat die Spaß-Fraktion: Der Österreicher Erwin Wurm zwingt für seine „One Minute Skulptures“ Menschen in absurde Positionen, lässt sie auf Türen reiten, wie eine Leiter kopfüber an der Wand lehnen, als Kleiderhaken fungieren oder zwei Kaffeetassen auf den Füßen balancieren. Für Hannover hat er eine interaktive Versuchsanordnung geschaffen, bei der sich Besucher als „soziale Skulpturen“ fotografieren lassen können: mit einem Tennisball im Hosenbein („carrying a bomb“), einem verknoteten T-Shirt über dem Kopf („be a terrorist“) oder auf „Inspektion“ im Dekolleté der Partnerin. Ein spielerischer Kommentar zur Terrorismus-Hysterie? 100 Euro kostet es, sich sein Foto vom Künstler signieren zu lassen.

Santiago Sierra hatte seinen Protagonisten selten mehr als sieben Dollar gezahlt.

Soziale Kreaturen. Sprengel-Museum Hannover, bis 13. Juni. Katalog (Hatje Cantz) 20 €.

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