Kultur : Mein lieber Schwan

Malakhovs Malheur beim Tanz im August

Sandra Luzina

Ein besonderes Debüt sollte es werden. Eine außergewöhnliche Begegnung zweier Welten. Daraus wurde leider nichts: Malakhov tanzte am Sonntagabend nicht. Der internationale Star (und Intendant des Berliner Staatsballetts) trat schließlich selbst vor den Vorhang, um dem ungeduldig wartenden Publikum die schlechte Nachricht zu überbringen. Wegen einer Blinddarm-Operation vor vier Wochen sei er nicht in der Lage aufzutreten. War man nicht vor allem seinetwegen gekommen? Und so schnurrte der Tanzabend „4 D“, der als einer der Höhepunkte beim Berliner „Tanz im August“ angekündigt war, auf 3 D zusammen: dröge hoch 3.

Vladimir Malakhovs Auftritt hätte hohen Symbolwert gehabt. Die Auseinandersetzung mit dem klassischen Ballett hat sich dieses Festival des zeitgenössischen Tanzes auf seine Fahnen geschrieben. Nun blieben die Zeitgenossen in der Staatsoper Unter den Linden unter sich, führten ihre Operationen am Kunstkörper des Balletts vor, das hier nur als schöne Leiche durch den Abend spukte. Und man beneidete die Fußball-Fans. Beim Fußball gibt es immer Ersatzspieler.

Hier aber, im ausverkauften Opernsaal, funktionierte ohne Malakhovs Vorlage der ganze Abend nicht. Keine Spannung mehr, die Konfrontation blieb aus. Auch bei Jérôme Bels Stück „Véronique Doisneau“. Bei der Uraufführung an der Pariser Oper hatte es einen Eklat gegeben. „Véronique Doisneau“ ist eine Hommage an eine der immer namenlos bleibenden Tänzerinnen der Hierarchie des Ballets. Die, die immer in der hinteren Reihe tanzt, die es nie zur Primaballerina schaffte, rückt ins Rampenlicht. Bel gibt ihr ihren Namen zurück, will die reale Frau sichtbar machen. In Trainigskleidung latscht sie an die Rampe und stellt sich vor. 41 Jahre, Französin, verheiratet, zwei Kinder. Im nächsten Jahr wird sie ihren Abschied nehmen. Doisneau erzählt von ihrem Traum, der sich nie erfüllt hat: einmal die Giselle tanzen! Sie demonstriert, wie langweilig es ist, in „Schwanensee“ immer nur einen der 32 Schwäne zu verköpern. Bels Stück ist eine Entzauberung, doch es fehlt ihm an Radikalität.

Mit „Giszelle“ von Eszter Salamon und Xavier Le Roy und „The The“ von Dana Caspersen und William Forsythe – zwei schon älteren Choreogafien – schreitet das ernüchternde Dekonstruktionswerk weiter voran. Das Ballett wird in seiner Grammatik bis ins Unverständliche verkehrt, es erscheint als kultureller Traditionstext, der permanent überschrieben wird: Da spürte man mehr Konzept als sonst irgendetwas. Der hinkende Abend auf der großen Bühne schien eher dazu angetan, die alte Gegnerschaft wieder aufflammen zu lassen. Der zeitgenössische Tanz hat einen zweifelhaften Sieg errungen. Denn der Gegner trat gar nicht erst an.

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