Kultur : Mein linker Fuß

Das Leben als Probe und Pose: zur Eröffnung der Tanztage Berlin

Sandra Luzina

Sie sind mal wieder die ersten! Die Tanztage Berlin läuteten das neue Jahr ein – und die Sophiensäle hatten sich für den Ansturm gewappnet. Es sind die wahren Enthusiasten, die sich in der Sophienstraße frierend vor dem Kassenhäuschen drängen – erwärmt einzig von der Hoffnung, dass hier die Talente von morgen zu entdecken sein werden. Im 15. Jahr gibt die rührige Barbara Friedrich den Stab nun an Inge Koks weiter.

Zum Auftakt des Nachwuchsfestivals, das bis zum 15. Januar läuft, gab es, wie so oft, viele kleine Versprechen – und manche Enttäuschung. Das Lieblingsspiel heißt diesmal Kommunikation. Hanna Hegenscheidt etwa nennt ihr Stück „I’m ok, you’re ok“, wobei sich das Mantra recht bald als K.-o.-Formel erweist. Ein Mann und eine Frau, zwei Stühle und ein Mikro – so sieht das ganz Setting aus. Nur der Therapeut fehlt. Umso komischer ist der Versuch der beiden Protagonisten, ihre Beziehung zu definieren. Das läuft zunächst getreu dem Schema ER sagt, SIE sagt ab, so dass die Dissonanzen nicht lange auf sich warten lassen. Verbale oder nonverbale Kommunikation – überall lauern die hinlänglich bekannten Paarmuster und -fallen. Das ist durchaus gut beobachtet und bisweilen lustvoll auf die Spitze getrieben. Filippo Armati wiederum nennt sein Solo ironisch „My Life as an Art Piece“. Jede noch so banale Bewegung wird von ihm zur Kunst erklärt. Tennis, Fußball, Sex – er spielt alle Aktivitäten durch und geht schon mal aus lauter Elan die Wände hoch. Als schließlich die innere Bewegung beschworen wird, versinkt die Bühne in Dunkelheit. Armati macht die Leerstellen seiner Erzählung sichtbar, doch das ist eher ermüdend.

Felix Marchand hingegen macht den Zuschauern ein tolles Angebot. Sie dürfen ein „Mixtape“ zusammenstellen, das dann den Soundtrack des Abends liefert. Der Tänzer muss auf alles gefasst sein. Zu Nirvana fasst er sich erst mal mit der rechten Hand an den linken Fuß: nicht die klassische Protestbewegung, aber sicher eine ziemlich unbequeme Pose. Als der Abend schließlich mit Jacques Brel endet, hat Marchand gewiss nicht die Musik im Sinn. Die Zuschauer durften vielmehr zusehen, wie er Bewegungen ausprobierte und wieder verwarf und sich dabei eines gestischen Sampling-Verfahrens bediente. Der eigene Ausdruck wird also noch gesucht – bis dahin heißt es remixen und tapfer auf einem Bein hüpfen.

Tanztage Berlin bis 15.1. in den Sophiensälen. Infos: www.tanztage.de

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