Kultur : Mein Mitteleuropa

Wiener, Serbe, Schriftsteller: Milo Dor wird heute 80 Jahre alt

Thomas Frahm

Spuren der Verbitterung sind im markanten und doch weichen Gesicht Milo Dors nicht zu finden. In den Zügen des mittelgroßen Mannes mit dem schlohweißen Haar über der hohen Stirn liegt Güte. Eine kräftige Hand erhebt das Glas mit dem Sliwowitz: Na sdrawe! Milo Dor, der vielleicht letzte große Mitteleuropäer, der in einer kleinen, mit Nippes (ach, die Frauen!) vollgestopften Wohnung im 8. Wiener Bezirk, der Josefsstadt, wohnt, wurde heute vor 80 Jahren als Miloslav Doroslovac in Belgrad als Sohn einer serbischen Kaufmannsfamilie geboren, wuchs in der Vielvölkerstadt Budapest auf und und blickt auf ein Leben zurück, das beinahe sehr kurz gewesen wäre. Als die deutsche Wehrmacht 1941 in Jugoslawien einmarschierte und in der kroatischen Ustascha Ante Pavelics „willige Vollstrecker“ fand, war der 18-jährige Miloslav bereits in der kommunistischen Widerstandsbewegung aktiv, wurde verhaftet und, da er Mitstreiter nicht verraten wollte, gefoltert. Bis 1945 lernte Dor die schlimmsten Straflager zwischen Belgrad und Wien kennen. Sein Überleben ist ein Wunder.

Sein dokumentarischer Roman „Tote auf Urlaub“, in dem sich Dor die Schrecken dieser Jahre von der Seele schrieb, war denn auch des Bösen zuviel und fand im nachfaschistischen Österreich keinen Verleger;erst 1952 erschien er in Deutschland und gilt inzwischen als frühes, großes Zeugnis jener dokumentarischen Literatur, die Anfang der 60er Jahre mit Exponenten wie Peter Weiss eine starke literarische Strömung bildete.

„Tote auf Urlaub“ bildet den Mittelteil einer Trilogie, der „Raikow-Saga“, die mit den Romanen „Nichts als Erinnerung“ noch seine Belgrader Jugend und mit „Die weiße Stadt“ seinen schwierigen Lebensweg nach dem II. Weltkrieg umfasst. Lesern, denen die „Buddenbrooks“ schon immer zu langatmig waren, finden in „Nichts als Erinnerung“ ein jugoslawisches Gegenstück. Es reiht sich würdig ein in die schmale Reihe jener Bücher, in denen wir unser einseitig von den nationalistischen Bürgerkriegen der 90er Jahre geprägtes Bild dieses Landes korrigieren können.

Berühmt wurde der bekennende Mitteleuropäer aber nicht durch seine mutigen, wahrhaftigen Romane, sondern durch Fernsehreportagen über jene Regionen Europas zwischen Prag und Istrien, in denen die deutsche Sprache und vor allem die jüdische Bevölkerung einen einzigartig vielfältigen Kulturraum geschaffen hatten. Sein Band „Mitteleuropa“ , der, wie alle wichtigen Bücher Dors, beim Otto Müller Verlag in Salzburg erschienen ist, enthält neben dem einführenden Essay, in dem Dor „sein“ Mitteleuropa skizziert, die Reiseprosa dieses wunderbare Autors.

Während der Dichter Dor offenbar zur Allgemeinbildung gehört, sodass in Kreuzworträtseln nach seinem Vornamen gefragt wird, sind seine wichtigsten Werke längst nicht so bekannt. Dasselbe gilt für seine Übersetzer-Tätigkeit. Durch ihn wurde vor allem der moderne serbische Klassiker Miroslav Krleza im deutschen Sprachraum zum Begriff. Die von „literarischen“ Autoren gern betonte Trennung zwischen Literatur und Leben hat der alte Kämpfer nie akzeptiert. Milo Dor glaubt an die aufklärerische Kraft des Wortes, er hat sich in gesellschaftspolitischen Fragen (zuletzt im Essayband „Leb wohl, Jugoslawien“) und für die Rechte der freien Autoren immer wieder engagiert.

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