Kultur : Mein Name ist Charlie, Checkpoint Charlie

Die Gegend um den legendären Kontrollpunkt wäre gerne etwas Besseres. Besuch am einst heißesten Ort des Kalten Krieges

Werner van Bebber

Im Café Adler braucht man nichts zu lesen. Vor den großen Fenstern läuft ohne Pause der große Berlin-Film, in forciertem Tempo. Menschenströme. Radfahrer, Autos, Taxen, Motorräder begegnen sich an einer der wenigen großen Kreuzungen in der Stadt, die nicht durch Ampeln geregelt ist. Schon das macht die Ecke Friedrichstraße/Zimmerstraße spannend. Schnell-Fahrer versuchen, sich an den stinkenden Touristenbussen vorbei zu drängeln. Die passieren möglichst langsam die Kreuzung am Checkpoint Charlie. Touristen wollen am historischen Ort schließlich bemerken können, dass sie sich am historischen Ort befinden. Die Touristen, die zu Fuß unterwegs sind, sehen an den Häuserfassaden hoch und auf die Doppelreihe aus Kopfsteinpflaster im Asphalt, die den Mauerverlauf markiert. Eile und Versunkenheit. Das Umpf- umpf-umpf-umpf aus den Bassboxen eines tief liegenden BMW gegen das Donnern einer Harley, Leute, die einander diesen Ort erklären, andere, die schweigen, sich umsehen, verharren, sich an das erinnern, was sie vom Checkpoint Charlie wissen und die versuchen, an diesem Ort zu erspüren, wie der Kalte Krieg gewesen ist und was er für Berlin bedeutet hat.

Es ist nicht mehr zu erkennen. Der Checkpoint Charlie ist heute vor allem ein sehr berlinischer Ort: optisch zerklüftet, architektonisch wirr, multifunktional. Man bekommt alles Mögliche, Ansichtskarten, Sandwiches, Haarschnitte, moderne Gemälde.

Gegenüber dem Café Adler steht ein Bürohaus voller Anwaltskanzleien, daneben das Museum der Alexandra Hildebrandt, in dem man sehen kann, was sich Menschen ausgedacht haben, um der DDR zu entkommen. 28 Jahre lang war der Checkpoint eins der beiden politischen Symbole der deutschen Teilung und des Kalten Krieges, vielleicht noch bedeutungsvoller als das im leeren Raum stehende Brandenburger Tor. 28 Jahre lang ging es am Checkpoint um kontrollierte Gewalt.

Nur Dokumentarfilme von damals lassen ahnen, wie leicht das Gegeneinander der Grenzer und der West-Alliierten am Checkpoint zu Verletzten und Toten führte. Die 90er Jahre haben die Aura des Ortes verweht. Jetzt ist die Gegend dabei, etwas Besseres zu werden. Aber das dauert, wie so vieles in Berlin. Blockweise haben die Investoren das neue Berlin zu bauen versucht, mit internationaler Architektenhilfe. Richtung Osten, entlang der Zimmer- und Schützenstraße stehen bis zum Areal des Axel-Springer-Verlags Wohn- und Geschäftshäuser, und überall sind noch Flächen zu haben.

In der Zimmerstraße 68 gibt es außerdem 18 Sorten Honig und zahllose Tees. Das liegt daran, dass die Inhaberin des „Teefachgeschäfts Quartier Schützenstraße“, Kerstin Naumann, einmal große Hoffnungen auf die Gegend gesetzt hat. Jetzt hat sie ziemlich viel Zeit zum Plaudern. Das Quartier Schützenstraße liegt zwar nur ein paar 100 Meter vom Checkpoint entfernt, aber die Touristen kommen nicht so weit. Was den Bedarf an guten Tee anbelangt, sagt Kerstin Naumann: „Es reicht gerade mal so.“ Der Zeitungs- und Tabakmann ein paar Meter weiter ist nicht so dezent in seinem Frust. So habe er sich die Marktwirtschaft nicht vorgestellt, sächselt er. Vor acht Jahren hat er einen Mietvertrag für das Geschäft geschlossen – das tut ihm heute noch Leid. Der Hauptstadtrausch hat sich verflüchtigt. Mitten in Berlin, wo Kreuzberg und Mitte aneinander grenzen, muss der Zeitungs- und Tabakmann erkennen, dass die Gegend nicht wirklich boomt. Nachts wird öfter mal eingebrochen, weil nichts los ist. „Sonntags“, sagt er, „ist es hier wie auf dem Dorf.“

In Richtung Westen ist es eher wie auf dem Kunstmarkt. Zwischen den Brachen stehen ein paar große alte Häuser, in denen sich einige Galeristen etabliert haben. 1997 ist der erste hier eingezogen, jetzt sind es mindestens sieben. An einer Brandmauer befindet sich ein schwarzes abstraktes Wandbild von Arturo Herrera. Aber die Frau in der DAAD-Galerie wirkt nicht so, als habe sie Lust, über das seltsame Gemälde zu sprechen.

Die junge Galerie-Mitarbeiterin nebenan, bei Max Hetzler, fühlt sich weniger gestört. Nein, sagt sie, es ist nicht die Berliner Kundschaft, und es sind schon gar nicht die Touristen, deretwegen die Galerien in diese Gegend gezogen sind. Das Geld verdiene man auf den Kunstmessen in Basel und in Miami, nicht hier. Für die Junggaleristin fühlt sich der Checkpoint Charlie vor allem touristisch an. Vor ihrem Fenster ziehen die Gruppen vorbei, die vor fünf Minuten noch die Topographie des Terrors und den letzten Mauerrest am Rande des Geländes besichtigt haben. Jetzt wollen sie am Checkpoint sehen, was es mit diesem weltberühmten Ort auf sich hatte.

1961 war der Checkpoint der heißeste Ort im Kalten Krieg. Hier protestierten die West-Berliner gegen die Abriegelung der Grenze. Tagelang standen sich sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Im August 1962 starb nicht weit entfernt ein junger Mann namens Peter Fechter. Er verblutete. 50 Minuten ließen ihn die Grenzer liegen. Danach schien hier die Zeit langsamer zu vergehen. Im Osten bauten sie an der perfekten Grenze, der Westen vergammelte, auch die Gegend um den Checkpoint. Dunkelgrauer wurden die Fassaden in dieser Kohleofengegend, auf dem Gehweg lauerte die Hundescheiße. West-Berliner Tristesse, in der es sich frei und angenehm leben ließ.

Gelegentlich stand einer aus dem Osten mit einem handgemalten Schild und demonstrierte für die Freilassung seiner Frau oder seiner ganzen Familie. Das Mythische des Ortes blitzte auf, als Roger Moore hier im August 1982 eine Szene für den James-Bond-Film „Octopussy“ drehte. Rainer Hildebrandts Arbeitsgemeinschaft 13. August wurde für die einen zur Bastion freiheitlichen Denkens und Nichtvergessenwollens. Für die anderen, und von denen gab es in West-Berlin immer mehr, wirkte das Haus am Checkpoint Charlie mit diesem nie müde werdenden Mahner wie ein Relikt des Kalten Krieges. Das war auch im Sinne der Stasi. Im März 1987 erstellten sie dort einen sechs Seiten umfassenden Plan mit dem Zweck, Hildebrandts Arbeitsgemeinschaft als rechtsextremistisch und ausländerfeindlich erscheinen zu lassen.

Aber als West-Berliner, zumal als gelernter West-Berliner, musste man vergessen können. Man nahm die Zonengrenze wahr, erkannte aber ihre Brutalität nicht mehr. Ab und zu fielen allerdings Schüsse. Oder einer, der fliehen wollte, wurde gefasst. Im Mai 1987 konnte man in dieser Zeitung lesen, was tags zuvor auf westlicher Seite 50 Augenzeugen beobachtet hatten: dass am Nachmittag ein junger Mann „durch die Grenzsperren in Richtung Westen rannte. 15 Meter vor der weiß markierten Sektorengrenze fiel er jedoch hin und wurde von fünf Grenzposten ergriffen. Der Mann wehrte sich verzweifelt, wurde aber in den Osten abgeschleppt.“

Berlin lebt von der Geschichte. Das ist eine Banalität, die die geschäftlichen Anrainer des Checkpoint Charlie zur Existenzgrundlage gemacht haben. Aber die Geschichte, die mit dieser Stadt einigermaßen brutal verfahren ist, fühlt sich am Checkpoint heute künstlich an. Vielleicht liegt das daran, dass ausgerechnet hier Geschichte und Geschäft nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Der verzweifelte Flüchtling, die Hungerstreikenden der 80er Jahre – wahrscheinlich leben sie noch. Der Checkpoint aber wird ihnen, so wie er sich heute darstellt, nicht mehr viel bedeuten. Das liegt an seiner Uneindeutigkeit. Den Mauerverlauf kann man nur noch erahnen – aber etwas verhärmt aussehende Straßenhändler verkaufen Handschellen, Gasmasken und Armeemützen wie auf einem Flohmarkt. Alexandra Hildebrandt wollte dem Ort das Unernst-Disneyhafte austreiben. Platte Symbolik war das Ergebnis.

Die Herrin des Mauermuseums, Rainer Hildebrandts Witwe und Neu-Interpretin, ist genauso geschichts- wie geschäftsinteressiert. Mit ihren auf zwei Brachen an der Friedrichstraße installierten Mauerkreuzen, die an die Opfer des tödlichen Grenzregimes erinnerten, hat sie es diesen Sommer zu Prominenz gebracht. Die Künstlerin aus der Ukraine stellt sich selbst weniger als tüchtige Betreiberin eines privaten Museums dar, das zu den am besten Besuchten in Berlin gehört, denn als Mahnerin. Das gelingt ihr leicht in einer Stadt, die von der Geschichte leben will, ohne das Gewissen derer zu strapazieren, die bis 1989 gut mit der SED und von ihr leben konnten.

Alexandra Hildebrandt machte im vergangen Frühjahr und Sommer Geschichtspolitik auf zwei brachliegenden Grundstücken. Mit traurigem Blick führte sie der Welt einen Ort der Trauer für die Opfer des Grenzregimes vor, bestehend aus Holzkreuzen und einer Imitation der Mauer, ehrenhaft für Opfer und effektiv als Werbemittel für das Mauermuseum schräg gegenüber. Sie hat damit den touristischen Massengeschmack getroffen und den Kultursenator vorgeführt. Thomas Flierl würde gewiss bestreiten, dass er mit dem SED-nahen Teil der PDS-Gefolgschaft besonders rücksichtsvoll umgeht. Er würde auch bestreiten, dass er nur deshalb wenig Ehrgeiz in ein Konzept zum Umgang mit der Berliner Teilungsgeschichte und mit der Erinnerung an die Mauer entwickelt hat. Aber diesen Eindruck haben viele. Flierl erklärte im Frühjahr, wie er die Mauerreste bewahren will. Dir Realisierung wird noch viel Zeit brauchen. Derweil grinsen die Touristen, wenn Tom Luszeit und einer seiner Mitarbeiter in Russen- und Ami-Uniform vor dem Kontrollhäuschen posieren.

Luszeit hat vor Monaten den Checkpoint als Möglichkeit des Geldverdienens entdeckt. Der junge Mann mit dem millimetergenau rasierten Bart managt die „Dance-Factory Berlin“, bei der man Tänzer und Tänzerinnen für fast alle Gelegenheiten anheuern kann. Er und seine Kollegen wollen am Checkpoint Geld verdienen. Das kleine Haus, in Richtung ehemaliger Zonengrenze mit Sandsäcken geschützt, ist ihre Kulisse. Aus dem Kontrollhäuschen blickt vom Foto Rainer Hildebrandt den Betrachter an. So behauptet man Ansprüche.

Damit ist man bei Hagen Koch. Ihm geht es um die Ost-Sicht auf den Checkpoint. Damit kennt er sich aus. Er war Ulbrichts Kartograf der Berliner Zonengrenze, dem Ministerium für Staatssicherheit verpflichtet, nach eigenen Worten der Mann, der am Checkpoint Charlie den weißen Strich zog. Und: Denkmalschutzbeauftragter der letzten, der demokratisch gewählten DDR-Regierung und Abwickler des Grenzpostens an der Friedrichstraße. Und einer, dem die Stasi-Genossen hinterhergeforscht haben. Einer, der zunächst überangepasst mit dem Regime aneinander und dann unter Druck geriet. Einer, über dessen Moral sich heute viele zu richten berufen fühlen. Als es vorbei war mit dem DDR-Denkmalschutz, habe er in Süddeutschland Geld in einer Möbelfabrik verdienen wollen, sagt Koch. Dann kam raus, dass er beim Wachregiment war. Das machte ihn, sagt er, zum „StasiSchwein“.

Die Ost-Sicht auf den Checkpoint ist nicht leicht zu erfahren. Wer auf dem Wachturm saß, gehörte zur Stasi, sagt Koch. Das gebe, von wegen „Stasi- Schwein“, heute keiner freiwillig zu. Koch schon. Ein merkwürdiger Mann in seinem offensiv-bekenntniswütigen Umgang mit der eigenen Biografie: Kriegskind, Offizierssohn, gläubiger Sozialist, Karrierist in der Volksarmee. Wer sich auf ein Gespräch mit Koch über den Checkpoint einlässt, dem erklärt Hagen Koch zuerst, wie man in der DDR Täter und Opfer werden konnte.

Doch nichts ist ihm fremder als die grob gesichtige Selbstgewissheit ehemaliger Stasi-Generäle. Koch ist voller Anspannung, wenn er den Vortrag seines Lebens hält. Manchmal lacht er die Vorbehalte weg, die er in den Augen seiner Zuhörer sieht. Er scheint auch die Brüche seines Lebens weglachen zu wollen. Sein Blick aber sagt, dass ihm nicht zum Lachen zumute ist. Inmitten einer Flut von Worten und Dokumenten bittet dieser Blick um Verständnis für sein Leben. „Was macht ein junger Mann in dieser Situation?“, fragt er und meint: Hätten Sie es anders gemacht, wenn die Stasi Ihnen ein Karriereangebot gemacht hätte? Wären Sie hart geblieben, wenn die Stasi gedroht hätte, Ihrer Frau das Kind wegzunehmen?

Koch lebt vom Checkpoint: von seinem Archiv, von seinem Wissen, von den Unterlagen, die er in Besitz gebracht hat. Er wohnt in einem Plattenbau in Lichtenberg, berät bei den noch immer zahlreichen Erinnerungsgelegenheiten Filmteams und Forscher. Er verantwortet die Ost-Sicht auf den Kontrollpunkt.

Wären direkt am Checkpoint die geplanten Geschäftshäuser entstanden, hätte das Bedeutungsvakuum an diesem Ort nicht so leicht entstehen können. Denn es gab mal Pläne, die Grenzanlagen-Brutalität am authentischen Ort darzustellen: durch eine Installation, die zeigen sollte, wie hoch die teilende Mauer wirklich war. Angesichts des Nachbaus, den Alexandra Hildebrandt am Rand des Feldes mit den Kreuzen aufstellen ließ, wunderten sich viele über die Höhe. Offenbar war die Mauer in vielen Köpfen niedlicher geworden.

Heute kommt der Ort nicht gegen die Ansprüche der Geschichte suchenden Touristen an. Abends aber verflüchtigt sich die Disneyland-Stimmung. Man sieht aus dem Café Adler auf den Asphalt, der jetzt öfter im Regen glänzt. Der Service war hier schon viel schlechter. Bis in die frühen 90er Jahre hielt sich im Adler die Dienstleistungsmentalität, nach der jeder Kellner ein Künstler war und jeder Konsument froh sein konnte, wenn ihn der Künstler ansprach.

Damals war an der Brandmauer gegenüber Werbung für die Ost-CDU-Zeitung „Neue Zeit“ zu lesen. Alles lange vorbei. Das Bier ist so kalt, wie es sein muss, der Service bestens. Man kann am Fenster sitzen und zusehen, wie Geschichten anfangen. Kreuzungen eignen sich dafür. Irgendwann wird hier die nette Galeristin vorbeikommen, für die das Adler der Stützpunkt gegen die „Touristisierung“ der Gegend darstellt und gegen die in der Nachbarschaft zu bemerkende Globalisierung der Trink- und Essgewohnheiten. Irgendwann wird Alexandra Hildebrandt vorbeikommen, mit rätselhaftem Blick auf die Brachen an der Friedrichstraße.

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