Kultur : Mein sonderbarer Herr

Elfriede Jelineks „Über Tiere“, uraufgeführt am Wiener Burgtheater

Christina Kaindl-Hönig

„Liebe ist: nicht arbeiten müssen. Nur da sein. Wieso genügt das keinem“, fragt sich die gegen ihr Erlöschen ansprechende Frau. Denken, um nicht unterzugehen im Kampf der Geschlechter, den Leib mit dem Geist ersetzen, um sich dem männlichen Gebrauch zu entziehen: „Ich diene, also bin ich.“ Sprechen, um nicht zu sterben, um sich nicht zu verflüchtigen in einem System, in dem Beziehungen den Marktgesetzen folgen, Angebot und Nachfrage den Verkehr regeln, das Begehren die Währung bedeutet.

„Lieben ist eine bestimmte Art von Angewiesensein, mein sonderbarer Herr.“ So beginnt Elfriede Jelineks neue, soeben im Kasino des Wiener Burgtheaters uraufgeführte Sprach-Komposition „Über Tiere“. Eine Textfläche bar jeglicher Szenenanweisung oder konkreter Figuren. Ein Spracherguss in zwei Teilen, die übergangslos ineinander fließen. Wie in den jüngeren Arbeiten Jelineks üblich, spielt das weibliche Sprechen die solistische Hauptrolle, die an diesem Abend Sylvie Rohrer verkörpert: Zart, fast durchsichtig sitzt sie auf einem Podest in der rechten vorderen Ecke der kleinen Bühne. In einem einfachen blauen Kleid (Kostüme: Barbara Maier), die Hände entspannt gefaltet im Schoß, das Gesicht ins Publikum gerichtet.

Die weiße Bühne, anfänglich ein leerer Raum, gegen den sie anspricht, füllt sich zunehmend mit zwölf Pianinos, die von Musikern in immer neue Positionen gerollt werden. Im Verlauf der Rezitation drängeln sich die Klaviere über die Bühne, werden in die linke hintere Ecke gezwängt, bis sie sich hinter die Kulisse verflüchtigen, um dort nur noch als Schatten wahrnehmbar zu sein.

Regisseur Ruedi Häusermann, Schweizer Komponist und Theatermacher, stellt in seiner „musikalischen Durchquerung“ Jelineks sinnlichem Sprachfluss eine Bearbeitung von Mozarts d-MollFantasie gegenüber. Seine von zwölf Pianisten gespielte Komposition spiegelt in ihrer assoziativ-brüchigen Struktur, der Verdichtung und Wiederholung einzelner Themen das dichterische Verfahren der Sprachmusikerin Jelinek, ohne jedoch den Text zu durchdringen. Häusermann interpretiert nicht, sondern reduziert Sylvie Rohrer auf ein Medium laut gewordenen Denkens. Klar, deutlich, ohne psychologische Einfühlung und mit einem Minimum an Anteilnahme fließt der Text aus ihr.

Mit „Über Tiere“ hat Elfriede Jelinek ihren Text „Begierde & Fahrerlaubnis (eine Pornographie)“ von 1986 fortgeschrieben: Die Sprache weiblicher Identität, zerborsten in einer männlich dominierten Welt, changiert gedanklich zwischen oktroyierter Unterwerfung und Selbstbehauptung, bäumt sich auf in Metaphern und Wortkaskaden freier Assoziation, bricht abrupt ab, macht Witze, wo es nichts zu lachen gibt – selbstironische Rettung einer Sitzen-Gelassenen, deren Flehen in eine männliche Phantasie verwandelt wird: in den alltäglichen Kauf der Ware Frau in der Prostitution.

Im zweiten Teil verdichtet Jelinek Fragmente von Abhörprotokollen eines noblen Wiener Escortservice. Telefongespräche zwischen Mädchenhändlern, Kunden und teils minderjährigen Prostituierten, vorrangig aus den neuen EULändern, entführt, vergewaltigt, die Beine gebrochen, wenn sie nicht spuren. „Ficken, ficken, ficken ... Griechisch mit Aufpreis und Ohne mit Aufpreis“ – Jelinek montiert die menschenverachtenden Verkaufsgespräche zu einem Stakkato einer Sprache der Entmenschlichung. Im Finale verortet sie die gesellschaftlich introjizierte Opferhaltung der Frau in einem katholisch-autoritär geprägten Umfeld. Der Fall von Anneliese Rohrer, 1976 Opfer einer Teufelsaustreibung, spricht von Flucht in die Psychose anstelle von Aufbegehren.

Der Regisseur und die Schauspielerin entpuppen sich an diesem Abend als Priester einer Dichtergöttin, deren Text in dieser Selbstgewissheit suggerierenden Darstellung ein falsches Betroffenheitspathos bekommt. Ihr Verdienst liegt in der Ernsthaftigkeit der Darbietung, verloren geht dabei Sinnlichkeit und Leidenschaft, die Jelinek unter der Oberfläche des Denkens schürt, ihr Funken des Aufbegehrens zugunsten einer Emanzipation, die für beide Geschlechter längst noch nicht abgeschlossen ist. Denn der Weg zur Liebe erfüllte sich erst über gelungene, zwangfreie Kommunikation.

Das Motto „Macht und Mächtige“ findet in der kommenden Saison im Shakespeare-Zyklus eine Fortsetzung: „Romeo und Julia“ (Regie: Sebastian Hartmann), „Heinrich IV.“ (Regie: Dimiter Gotscheff) und „Heinrich II.“ in Form von James Goldmans „Der Löwe im Winter“ (Regie: Grzegorz Jarzyna). Mit Johannes Schrettles „Sie sprechen/nur über ihre Leiche“, Händl Klaus’ „Sammlung Marianne Bosch“ und Falk Richters „Verletzte Jugend“ (in eigener Regie) sind drei Uraufführungen geplant. Zu Klassikern wie Schillers „Wallenstein“ (Regie: Thomas Langhoff) und Nicolas Stemanns Adaption von Dostojewskijs „Brüder Karamasow“ reiht sich Gegenwartsdramatik wie Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ (Regie: Dieter Giesing), Feridun Zaimoglus „Schwarze Jungfrauen“ (Regie: Lars-Ole Walburg), Lukas Bärfuss’ „Die Probe“ (Nicolas Brieger) und Simon Stephens’ „Motortown“ (Regie: Andrea Breth). Eine bunte Mischung, ganz nach der Zielsetzung Klaus Bachlers, ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Womit sich, so der Intendant, das Burgtheater zur „Speerspitze der Avantgarde“ gemausert habe. Eine Einschätzung, die sich angesichts der unbekümmert-klamaukigen Produktionen der laufenden Saison hartnäckig der Realität verweigert.

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