Kultur : Mein Vater, der Held

Andreas Homoki inszeniert die Uraufführung von „Robin Hood“ an der Komischen Oper

Carsten Niemann

Frank Schwemmer und Michael Frowin haben ein Händchen für große Themen: 2002 hoben sie für die Neuköllner Oper die Merkel-Oper „Angela“ aus der Taufe. Nun haben sie an der Komischen Oper zu einem neuen Musiktheaterabenteuer zusammengefunden. Diesmal heißt ihr Held Robin Hood – wobei es in dieser Kinderoper mindestens drei Anwärter auf den Heldentitel gibt. Denn Robin Hood ist dieses Mal eine Figur aus einem Computerspiel, das von Daniel, einem vorpubertären Berliner Jungen, gespielt wird und wiederum von seinem Vater programmiert wurde.

Leider gibt es einen Programmierfehler, und so wird Daniel buchstäblich in die Welt Robin Hoods hineingezogen. Hier wird er von den Strumpfhosenträgern wegen seiner Schlabberjeans gedisst, doch es gelingt ihm, sich Respekt zu verschaffen und an den Abenteuern des gerechten Räubers teilzunehmen. Nur die Rückkehr will ihm und den bereits zuvor eingesaugten Computerkids nicht glücken – und so muss der Vater lernen, dass auch er als Held gebraucht wird.

„Robin Hood“, für den Intendant Andreas Homoki die Regie übernahm, ist von den bisherigen Uraufführungen groß besetzter Kinderopern am Haus die gelungenste Produktion. Dies ist zu einem guten Teil das Verdienst des Librettisten Frowin. Trotz einiger mäßiger Gags hat er die Fülle der Personen und Handlungsstränge in eine spannende und klare Dramaturgie gepackt. Vor allem aber hält er sich an eine Regel, der bereits Andreas Steinhöfel in seinem Berliner Computerspielmärchen „Der mechanische Prinz“ gefolgt ist: Er nimmt die Faszination ernst, die von Computerspielen wie von Heldengestalten ausgeht – wobei er dieser Faszination weder verfällt, noch den pädagogischen Zeigefinger erhebt.

Die gleiche Ehrlichkeit gegenüber den Kindern wie gegenüber sich selbst strebt auch Frank Schwemmer mit seiner Partitur an. Seine konsequent moderne oder besser gesagt: freitonal-expressionistische Musiksprache transportiert eine Vielzahl von Emotionen und Situationen, ohne aber verführen zu wollen; die Informationsfülle der reich instrumentierten und bei leidlicher Textverständlichkeit mutig durchkomponierten Partitur scheint das junge Publikum (empfohlen ab sechs Jahren) dabei keinesfalls zu überfordern, sondern im Gegenteil die Aufmerksamkeit wachzuhalten. So mühelos Schwemmer Töne für Verfolgungsjagden oder zankende Eltern zu finden weiß, so gerät er doch auch in die Gefahr zu bebildern, wo er Stellung beziehen müsste. Über den wichtigen Moment, in dem der Vater erkennt, dass er um seinen Sohn kämpfen muss, geht die Musik aktionistisch hinweg. Nur in dem Augenblick, als Schwemmer eine kämpferische Ansprache Robin Hoods mit ironischen, aber packenden Wagner- und Musicalanklängen unterlegt, ahnt man, welche zusätzliche Dimension diese Oper hätte gewinnen können, wenn der dramatische Konflikt auf musikalischer Ebene konsequent durchgeführt worden wäre.

Gute Unterhaltung liefern Andreas Homoki und sein Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann ab, auch wenn man sich Slapstick und Kampfszenen vielleicht noch körperlicher vorstellen könnte und die Ästhetik von Computerspielen nur schwach gespiegelt wird. Um 3-D-Effekte wie den aus dem Orchestergraben wachsenden Sherwood Forest können Besucher von Erwachsenenproduktionen die Kinder aber nur beneiden. Die Solisten spielen mit vollem Einsatz: Thomas Ebenstein als wacher Daniel, Christiane Oertel als nervend liebende Mutter, Jens Larsen in der Rolle des leicht überforderten Vaters, Karen Rettinghaus als stimmschöne Prinzessin Mary-Ann und Hagen Matzeit als hibbelig-hasenfüßiger Berater. Auch das Orchester unter der Leitung von Patrick Lange sowie der bewährte Kinderchor lassen die Partitur mit vorbildlichem Engagement, Präzision und Transparenz lebendig werden.

Die Chance, dass Kinderopern mit ihrem hohen Anspruch an Glaubwürdigkeit als Medium erkannt werden, in dem zentrale gesellschaftliche Themen wie etwa die Frage nach brauchbaren Vorbildern verhandelt werden können, ist mit dieser Aufführung gestiegen. Und der beträchtliche Applaus zeigt, dass die Spieler die geforderte Punktzahl locker erreicht haben und jederzeit zum nächsten Level übergehen dürfen.

Wieder am 6., 27. und 30. November sowie 1., 9., 17., 21. und 28. Dezember.

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