Kultur : „Mein Wohnzimmer ist so groß wie die Stadt“

Das Glashaus, das sich der Architekt Werner Sobek gebaut hat, gilt als Hightech-Ikone. Ein Gespräch über die Zukunft des Wohnens

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Herr Sobek, was war das Erste, was Sie heute morgen beim Aufwachen gesehen haben?

Die grünen Bäume ums Haus herum. Und dann habe ich den Fuchs entdeckt, der durch den Vorgarten pirsch t. Wir leben in einem Idyll, es ist wunderbar.

Das Haus R 128, das Sie vor zwei Jahren für sich gebaut haben, gilt schon jetzt als architektonische Ikone. Beginnt jeder Tag in diesem Haus für Sie mit einem Triumphgefühl?

Stolz und Triumph sind Begriffe, die mir fremd sind. Aber es gibt eine innere Zufriedenheit, dass ich es geschafft habe, bestimmte Ziele, die ich vor ein paar Jahren hatte, eine Vision des Bauens, tatsächlich verwirklicht zu haben. Das Haus hat eine enorme Wohnqualität, man lebt wie auf einer Lichtung. Von der Natur ist man nur durch eine ganz dünne Glashaut getrennt, das Wohnzimmer ist letztlich so groß wie Stuttgart.

In Ihrem Haus gibt es keine Lichtschalter, Türgriffe oder Amaturen. Alle Steuerungsvorgänge werden durch Sensoren oder Voice-Control-Systeme geregelt. Der Hausherr steht also morgens unter der Dusche und sagt: „Wasser marsch!“?

Nein, alle Duschen und Wascharmaturen werden durch berührungslose Sensoren gesteuert. Sie gehen zu der Duschkabine, heben die Hand in der Nähe eines Sensors in der Wand, dann geht die Schiebetür auf. Sie treten ein in die Kabine, heben wieder die Hand, die Tür schließt sich. Die Dusche ist komplett verglast, hinter der Verglasung gibt es ein zehn mal zwanzig Zentimeter großes Feld mit leuchtenden Punkten. Dann fahren Sie einfach mit der Hand berührungslos über einen dieser Punkte, Wasser kommt, Sie fahren über einen anderen Punkt und regeln die Temperatur, mit einem weiteren Punkt können Sie bestimmen, ob das Wasser von oben auf den Kopf oder von unten auf die Waden spritzt. Das ist sehr komfortabel.

Klingt aber erst einmal kompliziert.

Nein, das ist kinderleicht, weil es auf einem logischen System beruht und die Sensorenpunkte in unterschiedlichen Farben leuchten. Die Waschbecken funktionieren nach dem gleichen System, und bisher hat noch jeder Gast sie bedienen können, dem ich das einmal erklärt hatte.

Und was ist mit dem Voice-Control-System?

Es ist installiert, aber wir arbeiten noch daran. Das wird die nächste Stufe sein, dass alle Steuerungsvorgänge akustisch geregelt werden. Es gibt zwanzig Mikrofone, aber man geht natürlich herum in so einem Haus, die Positionen der Sprecher ändern sich, es gibt Nebengeräusche etwa aus dem Fernseher, und die Software hat Schwierigkeiten, immer die richtige leading voice zu erkennen. Dieses Problem hatten wir unterschätzt.

Hightech ist anfällig. Was machen Sie, wenn eine Toilettenspülung oder eine Lampe ausfällt, mit dem Schraubenzieher werden Sie sich nicht helfen können?

Nein, aber Ihr Grundansatz ist nicht richtig. Die Hightech in meinem Haus ist unglaublich simpel. Das Bauwesen ist sehr tradiert, teilweise muss sogar von grober Rückständigkeit gesprochen werden. In einem Auto oder in einem Flugzeug funktionieren Brems- und Scheinwerfersysteme mit einem extrem hohen Maß an Sicherheit. Uns geht es darum, Elemente dieser Systeme in die Architektur zu implimentieren. Die Teile sind sehr robust, schon deshalb, weil sie berührungslos funktionieren.

Das Haus R 128 verbindet intelligente Technik mit maximaler Umweltverträglichkeit. Alle Teile sind recycelbar, Sie verbrauchen keine Heizenergie...

...und keinen Strom, in der Jahresbilanz. Wir erzeugen photovoltaisch Strom, der überzählige Strom wird an einem Sonnentag über einen Zähler ins Netz eingespeist. Strom, den wir nachts benötigen, wird über einen anderen Zähler aus dem Netz entnommen. Am Jahresende sollten beide Zählerstände ungefähr gleich hoch sein. Heizenergie benötigen wir nicht, weil die Verglasung so hochleistungsfähig ist, dass sie in ihrer Dämmwirkung einer 10- oder 12-Zentimeterschicht Mineralwolle entspricht. Es gibt drei Glasschichten, mit dem Edelgas Argon dazwischen. Im Winter kann die äußerste Glasscheibe mit Eisblumen überzogen sein, die innere ist trotzdem handwarm.

Muss man das Haus auch als eine gebaute These verstehen: So können wir, so werden wir morgen leben?

So könnten wir morgen leben. Es soll kein Imperativ sein, es gibt viele Formen, wie wir morgen leben werden. Aber es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken. Man spricht sehr viel darüber, wie wir gestern gewohnt haben, auch in Berlin werden viel zu viele Häuser gebaut, die für die Vergangenheit stehen. Nach den Gesellschafts- und Familienmodellen von morgen und übermorgen wird zu wenig gefragt und danach, welche Architektur dazu passen wird. Als Hochschullehrer sehe ich mich geradezu in der Pflicht, Visionen zu entwickeln. Natürlich ist das Scheitern dabei immer schon inbegriffen. Hegel hat es wunderbar ausgedrückt: „Schon die Angst vor dem Irrtum ist der Irrtum selbst.“

Das Haus liegt an einem Steilhang oberhalb des Stuttgarter Talkessels und ist von der Straße aus nicht zu sehen. Vom Haus aber öffnet sich die Landschaft zum Total-Panorama. Ist das Ihre Vorstellung von Luxus: die größtmögliche Transparenz bei gleichzeitigem Rückzug in die Natur?

So ein Grundstück durch Zufall kaufen zu können, ist ein Lebensglück, dafür bin ich dankbar. Aber selbst auf einem anderen Grundstück hätte ich das Haus wohl genauso gebaut. Auch in einem verdichteten Gebiet lässt sich ein transparentes Haus mit hoher Wohnqualität bewohnen, dann sollte es vielleicht einige semitransparente Bereiche haben. Es geht ja nicht um Exhibitionismus. Aber das Tolle an einem transparenten Haus ist, das man nicht nur intensiv mit dem Wetter und den Jahreszeiten lebt, sondern ebenso intensiv mit der Nachbarschaft. Wenn man in einem zugemauerten Haus mit zugezogenen Gardinen wohnt, ist man von seiner Umgebung abgekoppelt. In einem transparenten Haus nimmt man das Leben viel stärker wahr, angefangen von dem Kind, das auf der Straße vor dem Haus hinfällt. Der Blick weitet sich.

Die Einzelteile Ihres Hauses sind ineinandergesteckt und -geschraubt. Wenn Sie genug haben von Stuttgart, könnten Sie innerhalb von kurzer Zeit mitsamt Haus an die Ostsee oder in die Toskana umziehen.

Das war aber nicht das Ziel. Die Recycelbarkeit hat etwas zu tun mit einer Geisteshaltung: Ich will ephemer bauen. Ephemer, aus dem Griechischen, bedeutet: nach kurzer Zeit vergänglich. Es gibt die Ephemeriden, das ist die Klasse der Eintagsfliegen. Ich weiß ja nicht, ob meine Ideen so weit tragen, dass sie morgen noch gültig sind. Meine Gebäude sollen so verstanden werden, dass man sie ohne Schmerz und ohne Schäden für nachfolgende Generationen zu einem Zeitpunkt X auseinandernehmen und verschwinden lassen kann. Das Haus R 128 ist prototypisch für diese Haltung. Es wiegt nur 10 bis 15 Prozent vergleichbarer anderer Wohnhäuser, und alle Teile lassen sich problemlos in lauter Ein-Werkstoff-Teile trennen.

Das Haus soll kein Denkmal sein?

Diese Geisteshaltung versuche ich in all meinen Arbeiten auszudrücken. Sie hat auch eine andere Art zu konstruieren zur Folge, die den Bauprozess in einen eher an die industrielle Präzision erinnernden Prozess weiterführen könnte. Das, was heute auf Baustellen passiert, ist in großen Maßen eine nicht vertretbare Ferkelei. Bei Rohbaukonstruktionen werden Marmortreppen verlegt und alle, die irgendwelche anderen Schmutzarbeiten machen, laufen da hinauf und hinunter. Die Schäden, die dabei entstehen, sind so eminent, dass sie einige Prozent der Baukosten betragen. Wenn Sie aber ein Haus einfach zusammenschrauben und -haken, sind Sie zu einer erhöhten Präzision verpflichtet, die alle Beteiligten zu einer größeren Klarheit des Planens und Denkens herausfordert.

Auf der Biennale in Venedig präsentieren Sie das Nachfolgemodell R 129. Was sind die Verbesserungen?

R 129 ist ein Hauskonzept, das wir für einen Freund von mir, einen Versicherungsmathematiker geplant haben. In der Materialität und von der Art, wie das Haus strukturiert ist, geht es noch einen Schritt weiter ins Nichtübliche. Egal, ob es gebaut wird oder nicht, hat es etwa die Möglichkeit geschlossener Wasserkreisläufe. Die gleiche Technologie wie in einer Raumkapsel: Sie trinken, Sie scheiden aus, das wird recycliert und Sie können es wieder trinken. Das mag futuristisch klingen, aber mir ging es darum, die Dinge einmal konsequent zu Ende zu denken.

Es gibt also Nachfrage nach dem Prototyp?

Wir planen derzeit zwei Häuser, eines in Baden-Württemberg, eines in Bayern. Aber eigentlich sind wir ein Büro, das sich nur im Ausnahmefall mit Wohnhäusern beschäftigt. Unsere Schwerpunkte liegen im Flughafen- oder Bürobau. Deshalb musste ich vielen anderen Interessenten schon absagen.

Das Gespräch führte Christian Schröder

Die Galerie Aedes East in den Hackeschen Höfen zeigt noch bis zum 6. Oktober die Ausstellung „Beyond Materiality“ mit Arbeiten von Sobek, Di-Fr 11-18.30, Sa/So 13-17 Uhr.

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