Kultur : „Meine Damnundrren: Teufelstrrriller!“

Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt nur, spielt …

Der von einem orange-samtenen Bändchen gefasste Pferdeschwanz schaukelte vergnügt, als sie, die Neue, zu Beginn der Probe das Orchesterzimmer betrat. Hans Caros aufsteigende Gefühlswallungen schaukelten mit dem Pferdeschwanz um die Wette; die Saiten seines Instruments schienen leise zu vibrieren. Gibt es Liebe auf den ersten Ton?, fragte er sich.

Hans Caro, 42, Mitglied des städtischen Sinfonieorchesters, war ein „BraBra“, wie sein Freund Gerold, die zweite Trompete, ihn nannte: Brabra, ein braver Bratschenspieler. Er fügte sich seit Jahren gehorsam in den Klangkörper des Orchesters. Dabei wollte er sein ganzes Leben einmal gegen den Strom schwimmen. Etwas Ungewöhnliches tun. Aufstehen, über die Saiten kratzen wie Jimi Hendrix; sein Instrument unter dem Jubel der Fans über dem Knie zerbrechen.

Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt nur, spielt…

Der Satz ging Hans Caro heute nicht aus dem Kopf. Das orange-samtene Bändchen wurde durch ein Kleid ergänzt, das auberginefarben war und ihre grazile Figur umschmeichelte. Sanft entkleidete die Neue ihr Instrument aus der Schutzhülle, sah es liebevoll an und setzte es an den Mund, um ihm sanfte Probetöne zu entlocken.

Hans Caro hielt mit Mühe seinen Bogen auf der Saite im Einstimmungsinstrumentengewirr vor Erscheinen des Dirigenten. „Morrrgen, meine Damnundrren“, rief der Dirigent und riss Hans Caro aus seinen Gedanken. Er zog das ganze Orchester von über 50 Menschen in ein Wort zusammen. Damnundrren. Pjotr Weiss aus Warschau machte nicht viele Worte, er sprach mit seinem Stab. Heute stellte er knapp die Neue vor. „Damnundrren, Frau Viola Stroboskaja, aus der Slowakei, Vertretung für Hannah Rumpf, Schwangerschaftsurlaub, stellvertretende Solo-Flöte“.

Viola! Caro klopfte mit seinem Bratschenbogen mehrmals aufs Notenpult. Dies war unter Musikern ein Zeichen höchster Anerkennung, im Moment aber völlig unpassend. Die Köpfe der ersten Geigen drehten sich zu ihm um; einige grinsten über Hans Caros Temperamentausbruch. Nicht die Konzertmeisterin Fushi Yokohawa. Die verzog keine Miene. Das heißt, sie lächelte eigentlich immer. Sie trug einen kunstvoll geflochtenen, schönen sattschwarzen Zopf. Ihr Haargesteck erinnerte Caro an den Mikadohaufen auf seinem Kinderspieltisch. Da er hinter ihr saß, hatte er viel Zeit, dieses Gesteck zu bewundern.

Aber heute hatte Hans Caro nur Augen für den kastanienroten Pferdeschwanz. Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt nur, spielt… Hans Caro musste an seine Geigenlehrerin denken. Mit zehn Jahren schon wurde er zum Geigenunterricht geschickt. Sieglinde, die Geigenlehrerin, hatte sich bemüht, ihm den richtigen Ton beizubringen. Die Bratsche hatte er sich dann nicht ausgesucht, sie war quasi zu ihm gekommen. Sie hatte ihm leidgetan. Sie lag so verlassen und herrenlos wie ein Hund auf dem Dachboden seiner Großeltern. Plump und linkisch sah sie aus, dachte Hänschen Caro, als er sie mit elf zum ersten Mal sah, passt zu mir. Auf Anraten von Sieglinde wechselte er zur großen Schwester der Geige, und die Bratsche und er wurden Freunde. Wenn er sich einsam fühlte, streichelte er sie und stellte sich ans Fenster und gemeinsam heulten sie den Mond an.

„Damnundrren, 2A, ab Teufelstrrrriller!“ Pjotr Weiss hatte abgeklopft und das gesamte Orchester hatte eine Vollbremsung vollzogen. „Jam pam pam tam, Jam pam pam tam“, intonierte Herr Weiss. Teufelstriller? Fehlanzeige bei der Bratsche. Hochvirtuoses gibt es nur für Violinen. Die Damen und Herren Violinisten vor ihm steigerten sich zum Triller. Violinist, ja, das klang gut, selbst wenn man nur tutti war. „Tuttisten, Autisten“, reimte Hans Caro boshaft in sich hinein. Die Geigen, vor allem die ersten, fühlten sich immer allen überlegen, fühlten sich als Herz und Hirn des Klangkörpers. Er hätte sich nie in eine Violinistin verlieben können. Immer wieder blickte Hans Caro vorsichtig über die Schulter und versuchte einen Blick von Viola zu erhaschen, aber diese studierte hochkonzentriert ihre Noten.

Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, …

Bratschenspieler, Bratschist… hört sich an wie eine Mischung aus Bratpfanne und Watsche. Die Bratsche ist aus Holz, ist klobig, ziemlich schwer und komplett uncool, wie Fritzchen Caro, Hans Caros Sohn aus erster Ehe mit einer Harfe, zu sagen pflegte.

Sollte er beim nächsten Mal einfach beim Teufeltriller mitspielen, um die Aufmerksamkeit von Viola auf sich zu ziehen? Wenn Musik der Liebe Nahrung… „Damnundrren, gut so, etwas vivace bitte und jetzt tutti ab 5A. Jam pam pam.“ Viola, die Neue, holte Luft, schürzte die Lippen. Viola. Sie hatte sehr sinnliche Lippen, fand er. Flötistinnen schminken ihre Lippen nicht. Mit einer Bratsche konnte Hans Caro der stellvertretenden Flöte schwer imponieren. Eine Solo-Oboe wär’ vielleicht was gewesen mit ihrem warmen schnurrenden Klang. Guten Abend, Hans Caro, Solo-Oboe. Wie schreibt man das überhaupt? Seine Gedanken überstürzten sich. Der Dirigent klopfte ab. „Die Bratsche - Moderato - Damnundrrrren, Herr Caro“, die Kollegen an den Geigen schmunzelten, obwohl das in den hochgequetschten Wülsten ihrer Doppelkinne schlecht zu erkennen war.

„Und jetzt, amoroso, 6C, meine Damnundrren“, rief der Dirigent, „lieblich, liebevoll, mit Leidenschaft, amourös.“ Hans Caro war versucht, Viola mit dem Bogen zu stupsen. Oder wenigstens ihren Pferdeschwanz zum Schaukeln zu bringen. Die Bogen der Streicher flitzten über die Saiten. Vivacissimo!!! G-Dur – die Noten tanzten aus Hans Caros Notenmappe und entschwebten in den Himmel. Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt nur, spielt…

Es kam zum Triller, Hans Caro zögerte keinen Augenblick und trillerte mit, er trillerte und trillerte, der Dirigent blickte ihn mit aufgerissenen Augen an, Violas Mund schien zu lächeln, obwohl er fest das Mundstück umschloss. Con espressione, con fuoco, con moto, giocoso, Hans Caro setzte eine Triole und noch eine, Hans Caro trillerte und trillerte. Viola musste ihr Instrument absetzen, sie lachte, Hans ging auf sie zu, küsste sie, spielte aber weiter, Hans Caro meinte, Rufe aus dem Zuschauerraum zu hören, da capo, da capo, der Dirigent fuchtelte mit dem Stab und klopfte ab, bis er zerbrach, „Meeeinneee Daaaamen und Herreeeen!“, schrie er. Die Stabstücke landeten im Haarnetz der Konzertmeisterin Fushi Yokohawa und machten ihre Frisur perfekt. Sie sah aus wie ein Sushi-Gedeck. Ein zweiter Geiger kam mit dem Bogen auf Hans Caro zu. Er schien ihn zum Fechtkampf herausfordern zu wollen. Caro durchbohrte mit der Bogenspitze dessen Brust. Dann sah er sich den ersten Geigern gegenüber und wie d’Artagnan focht er sie zu einem jammernden Haufen nieder, die zweiten Geiger ebenso, die dritten waren geflohen; der Orchesterwart eilte herbei und füllte den Graben mit Wasser, Caro zersäbelt die restlichen Noten, am liebsten hätte er den Orchestergraben geflutet und wäre mit Viola in den großen Kesselpauken weggepaddelt, direkt auf eine einsame Insel. Hans Caro blickte Viola tief ins Auge. Und sie ihm.

„Damnundrren, ich danke ihnen, wir sehn uns morgen“. ... Das Klopfen der Kollegen auf die Notenständer riss Hans Caro aus seinen Träumen. „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt nur, spielt…!“, entfuhr es Hans Caro laut in die sich ausbreitende Stille. Der Orchesterkörper lachte. „Oft, wenn du selbst Musik, Musik mir spielst, auf dem beglückten Holz, das tanzend klingt, wenn Du mit zartem Finger lieblich wühlst, dass in der Saiten Ton mein Ohr versinkt….“ „Shakespeare“, hörte er Viola mit flötengleicher Stimme sagen.

gekürzte Fassung, vollständig im Buch „Die verrückte Flöte“ (www.epubli.de)

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