Kultur : Meine Familie und ich - Unbekleidete Eltern und schwule Freunde

Andreas Hergeth

Es ist wie beim Blättern im Familienalbum. Im Berliner Schwulen Museum zeigt der Fotograf Ingo Taubhorn wunderschöne Aufnahmen seiner Eltern: Ein Porträt des im Sessel schlafenden Vaters, die Mutter beim Pflegen der Topfpflanzen, er beim Zeitung lesen. Doch dann sind da die anderen Fotos der Serie "VaterMutterIch" - so würde man seine Eltern wohl nie ablichten: Vater und Mutter Taubhorn nackt im Schlafzimmer. Ein Bild aus dem Jahre 1985, mit dem die "work in progress"-Arbeit ihren Anfang nahm. Die Art der Auseinandersetzung mit seiner Familie sorgte damals für Aufregung. "Für mich war es normal, sie so zu zeigen", resümiert Taubhorn. Was vielleicht daran liegt, dass im Hause Taubhorn offen über Sexualität gesprochen wurde. So sind die stärksten Bilder auch jene, die Vater und Mutter in intimeren Momenten als purer, inszenierter Nacktheit zeigen, etwa wenn sie sich die Haare im Bad frisiert oder er sich die Fingernägel schneidet. In welchem Familienalbum kommen solche Schnappschüsse schon vor? Und wie sieht ein solches Familienalbum bei Homosexuellen aus?

Ingo Taubhorn öffnet seines und stellt Bilder der biologischen Familie Bildern seiner "Wahlfamilie" gegenüber. Hier treffen zwei Lebensformen aufeinander, die in der gesellschaftlichen Realität kaum in Kontakt kommen. Sich von seiner biologischen Familie zu trennen, hieß für den heute 42-Jährigen auch, vor 15 Jahren nach Berlin zu gehen. Hier fotografiert er im schwulen Milieu Riten, Verhaltensmuster, Alltag eben. Da lümmeln sich dann Freunde beim Picknick im Gras oder sitzen im Kino.

Die Fotos, hier alle ohne Titel und in verschiedenen Größen (Cibachrome, 300 bis 4000 Mark), zeigen dennoch deutliche Gemeinsamkeiten: "Sehnsucht nach Wärme", erklärt Taubhorn und zeigt Momente von Nähe und Vertrautheit, wenn Vater und Mutter, ihre Köpfe mit Handtüchern umhüllt, zusammen sitzen und ein Bier trinken. Und es sich im Bild daneben drei Männer auf einem Kuhfell-Sofa genauso bequem gemacht haben.

Und da sind nachdenklich stimmende, als Kommentare zu deutende Fotos. Denn Taubhorn macht mit seiner Bildersprache mit Sinn für Metaphern und Symbole am Beispiel seiner über 15 Jahre hinweg fotografierten Eltern deutlich, dass alles Leben endlich ist. "Vater und Mutter", so Taubhorn, "nehmen mein eigenes Altern vorweg." Noch drastischer wird diese Endlichkeit in den Bildern, die den toten Vater zeigen, der 1994 starb. Eine Zäsur für den Künstler wie für sein Projekt, das trotzdem weitergeht. Taubhorn fotografiert jetzt seine Mutter allein. Auch nackt. Mit freiem Oberkörper und einer Perlenketten um den Hals lehrt sie uns, dass man auch mit 65 Jahren ein sexuelles Wesen ist.Schwules Museum, Mehringdamm 61, bis 20. Februar; Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Donnerstag 14-21 Uhr.

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