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Poesie und Politik: Ehrung für den türkischen Schriftsteller in der Frankfurter Paulskirche

Jörg Plath

Der Schriftsteller weiß, sagt der Preisträger am Sonntagvormittag in der Frankfurter Paulskirche, „dass es ihn befreien wird, genau andersherum zu denken, als es der allgemeinen Erwartung entspricht“. So entspricht auch Orhan Pamuk bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels eben nicht der allgemeinen Erwartung. Seine Erinnerung an den türkischen Völkermord an den Armeniern, wegen der ihn die Türkei vor Gericht stellen will, wiederholt er nicht – das tat er einen Tag zuvor auf der Buchmesse. Gleichwohl nennt er den Schriftsteller einen „Sachwalter des unterdrückten Worts“.

Auch wer erwartete, Pamuk würde nach seinem Plädoyer für den EU-Beitritt der Türkei bei der Entgegennahme des Ricarda-Huch-Preises Anfang Oktober nun eine rein poetische Rede halten, sah sich getäuscht. Poetisch ist die Preisrede durchaus. Doch umstandslos verbindet der Autor aus Istanbul die Romankunst mit der Politik, wenn er deutsche Politiker kritisiert, die „auf Kosten der Türkei und der Türken Wahlkampf betrieben“ hätten. Das sei ebenso gefährlich wie „das Gebaren mancher türkischer Politiker, die gegenüber dem Westen und Europa gerne auf Konfrontationskurs gehen“. Brandreden klingen anders. Huldigungen des Elfenbeinturms allerdings auch.

Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung für die Förderung des Friedensgedankens ist spätestens seit dem Skandal um Martin Walsers Rede über die „Moralkeule Auschwitz“ 1998 auch in nichtliterarischen Kreisen wohl bekannt. Als zweiter Türke nach Yasar Kemal (1997) erhält Pamuk sie zu einem wichtigen Zeitpunkt: Im Dezember wird ein Istanbuler Gericht den überzeugten Demokraten und Europäer wegen seiner Armenien-Erinnerung der „Herabsetzung der türkischen Identität“ anklagen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat seinen Preisträger vorab verteidigt, doch dessen Vorsteher Dieter Schormann belässt es in der Begrüßungsrede am Sonntag beim allgemeinen Bekenntnis zum Recht auf freie Meinungsäußerung. Der 1952 geborene Pamuk sei eine „Brücke“ zwischen „scheinbar gegensätzlichen Kulturen“, dank derer sich Europa und die Türkei besser verstehen lernen. Dass Pamuk politisch sei, ohne es zu wollen, hebt Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth hervor – und überrascht mit der Mitteilung, der Roman „Schnee“ handele „nicht ausschließlich von der Türkei, sondern auch vom Zusammenleben in den Großstädten Europas“. Pamuk beschreibt darin den Kampf von Säkularen, Kurden, gemäßigten und radikalen Muslimen, der in der blutigen Diktatur eines Theaterschauspielers gipfelt.

Der von seiner Tochter Rüya begleitete Schriftsteller zeigt den Fernsehkameras ein konstant freundliches Gesicht. Sein charakteristisches explosives Lachen bricht erstmals aus ihm heraus, als Laudator Joachim Sartorius Balzacs Äußerung über den Gegensatz von Leben und Schreiben zitiert: „Eine Liebesnacht, wieder ein Buch weniger.“ Schmunzelnd verfolgt Pamuk die Laudatio des Dichters und Intendanten der Berliner Festspiele, der zwischen Pamuks Werk und Biografie so elegant hin und her flaniert wie der Gepriesene zwischen Moderne und Tradition. „Pamuk wuchs am Bosporus auf, als sei dieser breite Wasserlauf die schmächtige Seine.“ Erst spät habe er die osmanischen Traditionen entdeckt und sei daher ein „kompliziertes Produkt des Schmelztiegels Byzanz-Konstantinopel-Istanbul“. Auf den ersten Blick stünden Pamuks Romane, die uns mit einer fast haushälterisch genauen Beschreibung seines Landes beschenkten, in der Tradition der europäischen Erzähler. Doch ihre Handlung sei durch einen Kunstgriff orientalischer Erzähler gestaut: durch eingelassene Geschichten. Sie entfalteten eine „moralische Vision“, die sich nur dem Kenner frühislamischerTexte entschlüssele.

Sartorius nennt Pamuk einen „Glücksfall der Literatur, wie es ihn zuletzt vielleicht im 19. Jahrhundert gegeben hat“. Wer Balzac, Stendhal oder Flaubert lese, erkenne das damalige Frankreich – wer Pamuk lese, die heutige Türkei. Und er sei ein Schriftsteller, der „westliche Denkmuster und islamische Wertvorstellungen miteinander kommunizieren“ lasse.

Sartorius bleibt der Einzige, der den Islam nachdrücklich erwähnt. Orhan Pamuks Dankesrede beginnt indes als Lobrede des Romans als „Fundament europäischer Identität“. Hier hätten „Erniedrigung und Stolz, Scham und Wut“ ihren Platz. Und genau dies sind laut Pamuk auch die Gefühle in der heutigen Türkei nach dem Untergang des osmanischen Reichs und der schmerzhaft radikalen Orientierung nach Europa. Dass er aus diesen Gefühlen seine Romane formt, weckt Abwehr und Aggression. Gleichwohl wirbt Pamuk erneut für die befreiende Wirkung der Literatur, dank derer wir unsere Schamgefühle mit anderen teilen können.

Unmerklich wird die von Pamuk zunächst hastig und dann gelassener vorgetragene Rede zum Exempel seiner Einfühlungskunst. Denn seine Einblicke in die türkische Mentalität machen nicht vor der Gegenwart Halt, in der die Türkei hoffnungsvoll an die Tür der EU klopft und um Einlass bittet: voller Angst, abgewiesen zu werden, der Wut darüber nahe und auch der Scham. Neu ist Pamuks Europa-Engagement nicht. Aber noch nie beschwor er den Traum von der Türkei als Mitglied der europäischen Gemeinschaft so leidenschaftlich wie an diesem Sonntag in Frankfurt. Und warnt vor dem Nationalismus als bedrohlicher Alternative zur Vision eines europäischen Friedens.

Am Ende entschuldigt sich Orhan Pamuk, so viel von Politik gesprochen zu haben. Er wolle mit seinen Romanen in eine „tiefere, vielfältigere, reichere Welt flüchten“ und den „verblüffenden Windungen des Lebens“ einen Sinn abgewinnen. Es sind Romane, die wie diese Dankesrede überborden und die Grenzen unseres Ichs erweitern. Orhan Pamuk ist der wohl einzige Schriftsteller, der die Erweiterung Europas überzeugend aus dem Geist des Romans begründen kann.

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