Kultur : Meine Güte, Liebling!

JÖRG UTHMANN

"Ein Handkuß ist etwas sehr, sehr Schönes", verkündete Anita Loos in ihrem Roman "Gentlemen Prefer Blondes"."Aber ein Diamant ist für immer." So erstaunlich es klingt: Als Schmuck haben die Frauen den Diamanten erst relativ spät entdeckt.Hildegard von Bingen empfahl Kranken, ihn in den Mund zu nehmen oder mit der Faust zu umklammern und zugleich das Kreuzeszeichen zu schlagen.Auch die alten Griechen, bei denen der adamas als Symbol der Unverwundbarkeit galt, benutzten ihn als Amulett gegen Depressionen und Wahnsinn.Bei Nieren- und Blasensteinen wurde er in die Harnröhre eingeführt.

Es waren zunächst die französischen und englischen Monarchen des ausgehenden Mittelalters, die sich mit Diamanten schmückten.Als die Schweizer Eidgenossen 1477 Karl den Kühnen bei Grandson besiegten, staunten sie über den diamantbesetzten Federschmuck, den sie unter der Beute fanden.Bis dahin hatten die Juweliere Diamanten nur zum Schneiden anderer Edelsteine benutzt.Vor dem 18.Jahrhundert war Indien die einzige Quelle des Rohstoffs.1866 fand der 15jährige Sohn eines armen Farmers in Südafrika den "Eureka"-Diamanten, der heute im Parlamentsgebäude in Kapstadt einen Ehrenplatz einnimmt: Mit ihm begann der Aufstieg Südafrikas zum wichtigsten Exporteur von Rohdiamanten.Inzwischen wurde Südafrika von Australien verdrängt.Der größte Umschlagplatz ist Antwerpen: Von den 20 Diamantenbörsen der Welt operieren vier an der Schelde.

Das American Museum of Natural History, das populärste unter den New Yorker Museen, widmet den Diamanten die größte Ausstellung, die ihnen je zuteil wurde.Nach gutem amerikanischem Brauch ist die Inszenierung effektvoll und didaktisch zugleich.Der Besucher soll sich nicht nur an den schimmernden Juwelen berauschen, er soll auch etwas lernen.Bevor er zur Krone des großen Peter, zum Evangeliar der großen Katharina oder dem "Incomparable", dem birnenförmigen, drittgrößten geschliffenen Diamanten der Welt (407 Karat), vordringt, erfährt er etwas über die pipes, die vulkanischen Durchschlagsröhren, durch die die Diamanten vor drei Milliarden Jahren aus dem Erdinnern in die äußeren Schichten unseres Globus emporgeschleudert wurden.Er erfährt etwas über den Abbau der Diamanten, ihre praktische Nutzung von der Ölbohrmaschine bis zum Chirurgenmesser und die Schleiftechniken.

Aber natürlich sind es vor allem die Pretiosen, die die Besucher - bisher waren es 300 000 - anlocken.Das Museum hat sich nicht nur Leihgaben aus dem Kreml, dem Grünen Gewölbe und anderen europäischen Bewahranstalten verschafft.Es hat sich auch gründlich unter den gutbezahlten Damen von Hollywood umgetan.Neben der Platin-Tiara, die Grace Kelly bei ihrer Hochzeit trug, und einem Armband aus dem Besitz von Joan Crawford ist der 33karätige Krupp-Diamant zu sehen, den Liz Taylor 1968 von Richard Burton geschenkt bekam.Auch Schmuck aus der Schatulle der First Ladies von Mamie Eisenhower bis Hillary Clinton fehlt nicht.Filme mit einschlägigen Szenen ergänzen die Schau.In einem der Filme ("Night after Night") gibt Mae West auf den bewundernden Ausruf einer Garderobenfrau "Du meine Güte, was für schöne Diamanten!" die klassische Antwort: "Goodness had nothing to do with it, dearie." Die Annahme von Anita Loos, Diamanten seien für immer, trifft übrigens nur bis zu einem bestimmten Grad zu - genauer gesagt: bis 1650 Grad.Dann verwandelt sich das edle Stück in Graphit.

American Museum of Natural History, bis 30.August; Buch "The Nature of Diamonds" 27,50 Dollar, gebunden 50 Dollar

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