Kultur : Meine Heimat ist der Wind

Zum Tod des italienischen Objektkünstlers und Vaters der „arte povera“ Mario Merz

Christina Tilmann

Das Grundprinzip ist einfach: Die nächste Zahl ergibt sich jeweils aus der Summe der vorangegangenen. 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. lautet die Zahlenreihe des mittelalterlichen Philosophen Leonardo von Pisa, genannt Fibonacci, die zum künstlerischen Markenzeichen des Mario Merz geworden ist. Die Formel, die der am Hofe des Stauferkaisers Friedrichs II. lebende Mathematiker anhand der Vermehrung von Kaninchen aufgestellt hat, wird zur Berechnung von Spiralen genutzt. Für Mario Merz steht sie für die Verbindung zwischen Natur und Rationalität, Wachstum, Evolution und Technologie.

Die Zusammensetzung von etwas Komplexem aus einfachen Mitteln ist Grundthema des italienischen Objektkünstlers, dessen „arme Kunst“ so modern und komplex daherkommt wie wenige. Seine Fibonacci-Zahlen bestehen aus blauen Neonröhren, die, wie in seiner Arbeit für die Documenta 9 in Kassel, aus einem Dickicht aus Reisigzweigen hervorleuchten. Neonlicht als Energiequelle und Lebenszeichen, nicht als technologisches Substitut. Auch seine Iglus, ein anderes Markenzeichen, haben nichts mehr mit den Schneeburgen der Eskimos gemein: Sie bestehen aus grob aneinander gefügten Glasplatten auf einem Stahlgerüst und bieten in etwa so viel Schutz wie eine von Kindern errichtete Holzhütte. Keiner, der in einem solchen Glashaus sitzt, käme auf die Idee, mit Steinen zu werfen.

Mario Merz ist der populärste Künstler der „arte povera“. Seine Iglus, die dekorierten Tische mit Früchten, Gläsern und Steinen und die Zahlenreihen aus Neonröhren sind in vielen Museen und Ausstellungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts vertreten. Auch die Staatlichen Museen zu Berlin besitzen seit 1994 ein monumentales Merz-Werk. Am Ende der großen Halle des Hamburger Bahnhofs hat die Skulptur „Der Wassertropfen“ einen grandiosen Auftritt. Die Arbeit von 1987 ist ein Spätwerk, längst nicht mehr so offen, naturnah und improvisiert wie die früheren Arbeiten, sondern fast hermetisch geschlossen. Mit den Jahren ist Mario Merz immer perfekter, aber auch glatter geworden. Mit armer Kunst haben seine Werke nur noch wenig zu tun.

Angefangen hatte der 1925 in Mailand geborene Künstler als Autodidakt: Der Medizinstudent Merz, Mitglied einer antifaschistischen Widerstands-Gruppe, wurde von den deutschen Besatzern eingekerkert und zeichnete in der Haft mit allen auffindbaren Materialien. Nach 1945 war er zunächst als Maler tätig. Anfang der 50er Jahre schuf er die ersten Arbeiten aus Pflanzenblättern. Der Betrachter sollte für die Unterschiede zwischen natürlichen und künstlichen Materialien sensibilisiert werden.

1967 gehört Merz zu den Begründern der „arte povera“. Reisig, Schiefer, Wachs und Steine sind die Materialien, aus denen Künstler wie Michalangelo Pistoletto und Iannis Kounellis ihre Skulpturen formen. Im Auftrag der Salzburg Foundation schuf Merz, der in diesem Jahr mit dem japanischen „Praemium Imperiale“ ausgezeichnet wurde, im Sommer 2003 sein letztes Werk: einen aus zwölf halbrunden Eisenstelen bestehenden Iglu auf dem Mönchsberg.

„Meine Heimat ist der Wind“, hat Merz einmal gesagt. „Samen im Wind“ nannte er 1953 eines seiner Bilder. Der „prähistorische Wind aus vereisten Bergen“, Titel einer Ausstellung in Basel, hat über vielen seiner Arbeiten geweht. Am Sonntag erlag Mario Merz im Alter von 78 Jahren einem Herzinfakt.

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