Kultur : Meine Krankheit heißt Auschwitz

ULRIKE BAUREITHEL

"Vollkommen ohne jüdische Bindungen und Tradition aufgewachsen, hat das jüdische Schicksal mich mit ganzer Wucht getroffen." Trotzdem habe ihr das Jüdischsein in den dunkelsten Stunden wohl das Leben bewahrt und sie dazu verpflichtet, Zeugin zu werden für das Grauen, das ihr Volk erleben mußte.Mit diesen Worten umschrieb Grete Weil im August 1947, eben aus dem holländischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt, gegenüber der in Zürich lebenden Religionsphilosophin Margarete Susman ihr schwieriges Verhältnis zur jüdischen Identität.Noch in ihrer Autobiographie, die sie 91jährig vor einem Jahr vorlegte, sann Weil über diese zufällige und schicksalhafte Zugehörigkeit nach: "Habe ich gewußt, daß es gefährlich war, Jude oder Jüdin zu sein? Was ist das überhaupt: Jude? Ich habe es als Mädchen nicht gewußt und weiß es heute auch nicht genau."

Was es bedeutet, jüdisch zu sein, erfuhr die 1906 in Egern in eine aufgeklärt-großbürgerliche jüdische Juristenfamilie hineingeborene Grete Dispeker zum ersten Mal, als ihr Vater während des Hitlerputsches 1923 aus München fliehen mußte.Die relativ ruhigen Jahre bis 1932 verbrachte die junge Germanistin dort in einem Kreis kunstsinniger Freunde, zu dem auch Klaus Mann gehörte.Doch ihre Pläne, sich als Schriftstellerin zu etablieren, wurden nach ersten, zaghaften Versuchen zunichte gemacht, als ihr Mann, Edgar Weil, im März 1933 verhaftet wurde."Mein Talent, mit Worten etwas deutlich zu machen, hängt in Fetzen", heißt es in Weils Roman "Meine Tochter Antigone", "Ich werde keine Zeile mehr schreiben."

"In Fetzen gerissen" wurde das Talent, als Grete Weil 1935 mit ihrem Mann nach Amsterdam übersiedelte und in der Beethovenstraat 4 unter falschem Namen zunächst erfolgreich ein Fotoatelier eröffnete.1941 wurde Edgar Weil auf der Straße verhaftet und wenig später in Mauthausen ermordet.In ihrem 1963 entstandenen Roman "Tramhalte Beethovenstraat" hat Grete Weil versucht, an die Ereignisse in Amsterdam 1942, die nächtlichen Deportationen, die Kollaboration der holländischen Behörden, aber auch die Widerstandsbereitschaft der Bevölkerung zu erinnern.Dort läßt der Chronist Andreas, der zufällig Zeuge des systematischen Abtransports der Juden wird, keine andere Wahrheit gelten, "die nicht mit vierhundert in Trambahnen abtransportierten Menschen begann.Über ein anderes Thema zu schreiben, war unmöglich.Für dieses aber gab es kein Wort, kein Zeichen, kein Gleichnis, das deckte".

Durch den "Zufall" des Jüdischseins fühlte sich Grete Weil nach dem Krieg zu einer Zeitzeugenschaft verpflichtet, die sie zeitlebens nicht mehr losließ und die nur ein Thema kannte: Auschwitz."Meine Krankheit heißt Auschwitz, und die ist unheilbar", legte die Autorin der Protagonistin Hanna in "Meine Tochter Antigone" in den Mund.Doch wie viele andere Überlebende, die sich schuldig fühlen, überlebt zu haben, litt auch Weil am Verlust der Sprache und dem Unvermögen, "auszumalen, was dort vor sich geht in dem großen Schlachthaus".

In ihrer unmittelbar nach dem Krieg entstandenen Novelle "Ans Ende der Welt" hat die Autorin nicht nur ein frühes authentisches Bild des Deportationsalltags in Amsterdam überliefert, sondern auch die inneren Widersprüche ausgelotet, die die holländischen Juden noch im Angesicht der Todesdrohung voneinander trennten.Die eigene unfreiwillige Verflechtung in den Schuldzusammenhang - Weil entging als Schreibkraft beim Jüdischen Rat Amsterdam der Deportation, bis sie 1943 schließlich untertauchen mußte - thematisierte die Greisin in ihrem erfrischend unprätentiösen Lebensbericht: "Heute empfinde ich es als Schuld, daß ich beim Jüdischen Rat mitgemacht habe.Es ist aber keine Schuld, die mein Leben verdüstert.Ich kann nur sagen, mir wäre wohler, wenn ich nicht mitgemacht hätte."

Doch trotz günstiger persönlicher Umstände fand Weil als überlebende jüdische Frau, die die vergessenssüchtige Nachkriegsgesellschaft unverdrossen mit ihrer Schuld konfrontierte, in den fünfziger und sechziger Jahren wenig Gehör.Als Librettistin für Hans Werner Henze, Rundfunkautorin und Lektorin sicherte sie sich eine bescheidene Schreibexistenz.Doch ihre Romane wurden kaum wahrgenommen.Erst mit ihrem ambitioniertesten Werk "Meine Schwester Antigone", bereits in den fünfziger Jahren konzipiert, gelang Grete Weil Anfang der achtziger Jahre, unter dem Eindruck einer veränderten NS-Rezeption, ein später Durchbruch.

"Viel zu spät", wie sie einmal erklärte, und sie bezog dies nicht auf die persönliche Kränkung der lange Verkannten, sondern sie meinte ein historisches Versäumnis, dessen "Spätfolgen" - so der Titel eines 1992 erschienenen Erzählbandes - noch gar nicht absehbar sind.Mit Grete Weil verliert die deutsche Literatur eine Autorin, für die Erinnerung unlösbar war vom Schmerz der Anschauung, der sich in ihren Romanen überträgt.Was Jüdischsein ist, wußte noch die über Neunzigjährige nicht: "Übrig bleibt, daß ich als Jüdin erfahren habe, was Leiden ist."

Von Grete Weil erscheint im August im Zürcher Verlag Nagel & Kimche Verlag der Band "Erlebnis einer Reise.Drei Begegnungen." Als Fischer Taschenbuch ist "Meine Schwester Antigone" im Handel.

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