Kultur : Meine Mafia

Fotos von Letizia Battaglia im Willy-Brandt-Haus

Eva Kalwa

Ein Abgrund des Schweigens klafft zwischen den hingestreckten Leichen, ihren blutigen Mündern, verdrehten Hälsen und den seltsam ungerührten Blicken der Umstehenden. Auf perverse Weise scheinen die Toten Teil der Normalität zu sein, wie die Autos der Polizia, der Ball eines Kindes, der dürre Baum an der Straßenecke. Die Schwarz-Weiß-Bilder der mit dem Erich-Salomon-Preis ausgezeichneten sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia dokumentieren, wie die Mafia das Leben in Palermo seit den siebziger Jahren bestimmt. Und sie erhellen eine Kultur der Angst, des NichtFühlens, Nicht-Sehens, Nicht-Sprechens.

Als Fotografin, Stadträtin und Verlegerin hat Battaglia mit Leoluca Orlando, dem von 1985 bis 2000 amtierenden Bürgermeister von Palermo, unter Lebensgefahr gegen die Mafia gekämpft – gegen eine „krakenhafte Organisation“ (Orlando), die durch Prostitution, Menschen- und Drogenhandel die Bevölkerung beherrschte und ihren Einfluss im Bund mit Politikern und Unternehmern immer weiter ausdehnte.

Am Freitag wurde die Ausstellung „Im Kampf gegen die Mafia“ mit 78 Fotografien in Anwesenheit von Battaglia und Orlando im Willy-Brandt-Haus eröffnet. In den achtziger Jahren wusste die Fotografin, die sogar in der Dunkelkammer den Polizeiruf abhörte, oft nicht, ob sie den Tag überleben würde. „Heute töten sie uns nicht mehr, sie höhlen uns von innen heraus aus. Wir sind isoliert“, sagt die 73-Jährige. Laut Orlando hat sich das Wesen der Mafia grundlegend verändert: „Letizia hat das alte, typisch sizilianische Gesicht der Mafia gezeigt. Das neue Gesicht ist global, heute braucht es einen kundigen Bankier, um dem zu begegnen.“ Dennoch wertet er es als positives Signal, dass der sizilianische Unternehmerverband seit Kurzem Mitglieder ausschließt, die Schutzgeld zahlen.

Battaglia hingegen wirkt resignierter. Seit einigen Jahren wendet sie sich mit ihrer Pentax K1000 stärker privaten Themen zu. Zeigte sie beim „Spiel des Auftragsmörders“ 1982 einen kleinen Jungen mit Strumpf über dem Kopf und Pistole in der Hand, dominiert heute das Unschuldige wie in den Bildern von Battaglias 11-jähriger Enkelin Marta. Doch nach wie vor zeugen ihre Fotos vom Willen zur Wahrhaftigkeit und einem ungebrochenen Bedürfnis nach Freiheit und Liebe. Ein Bedürfnis, dessen Achtung Battaglia für alle Menschen einfordert. Eva Kalwa

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28. Bis 22.6., Di-So 12-18 Uhr, nur mit Ausweis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben