Kultur : Meine Nase, deine Nase - im Hebbel-Theater

Carsten Niemann

Sind Sie kürzlich beim Beobachten einer sich nervös an die Nase fassenden Dame unwillkürlich auf den Gedanken gekommen, die Frau könnte gerade Kunst produzieren? Dann haben wohl auch Sie die neueste Produktion im Hebbel-Theater gesehen. "Die fürchterliche Sache im Ohr von V" hieß der kryptische Titel des in den Programm- und Pressetexten des Theaters leider fast ebenso kryptisch angekündigten Stücks der jungen deutsch-belgischen Regisseurin Ingrid von Wantoch Rekowski. Wer die Premiere der Produktion am Mittwoch Abend besuchte, hatte jedoch vor der Aufführung immerhin die Gelegenheit, sich bei einem Künstlergespräch von der Regisseurin selbst in die gar nicht so komplizierten Spielregeln einweisen zu lassen.

"Die fürchterliche Sache im Ohr vom V" ist eine Improvisation für sechs Schauspieler. Es gibt keinen Text und keine Partitur: statt dessen sprechen die sechs Darsteller jeweils nur einen Satz und zwar in einer, wie die Regisseurin versicherte, für sie unverständlichen Sprache. Dieser wird auf die unterschiedlichste Weise betont: mal aufgeregt plappernd, mal klappend, mit Kuckucksrufen vermengt, im Plauderton und dann wieder mit Pathos vorgetragen, als höre man eine finnische oder ukrainische Hamlet-Aufführung. Das eigentliche Geschehen ergibt sich jedoch aus einem nach musikalischen Prinzipien entwickelten Spiel mit kleinsten, quasi unwillkürlichen Bewegungen. Da nestelt ein jovialer Mann fortwährend am Hemdknöpfen und Gürtel, fährt sich eine elegant gekleidete Frau mit Krücke nervös an die Nase. Wie musikalische Motive wandern diese kleinen Gesten von Person zu Person, werden abgewandelt, mit neuen Gesten kontrastiert.

Das Ganze hätte zu eine Veranstaltung von eher zoologischer Bedeutung für den an Verhaltunsforschung interessierten Laien werden können. Unter den Händen von Ingrid von Wantoch Rekowski und ihren Schauspielern geriet es jedoch unversehens zu Kunst. Auch wegen des Bühnenbildes, das Alwyne de Dardel mitgestaltet hatte: Giftgrüner Kunstrasen bedeckte die Hinterbühne des Hebbel-Theaters, mäanderartig durchzogen von schmalen Wegen. Darauf Polsterstühle mit malerisch wippenden Sprungfedern, ein orangefarben bemalte Kloschüssel mit Plüschdeckel. Ein verspielt absurdes Ambiente, das den schauspielerisch-musikalischen Interaktionen einen feinen Hauch von Aberwitz verlieh.

Über die Länge von einer ganzen Stunde musste das Team dabei spannungsvoll gegen die Versuchung anspielen, konventionelle Geschichten zu erzählen. Statt dessen trieben sie auf virtuose Weise ihr tatsächlich geradezu musikalischen Spiel mit körperlichen und sprachlichen Gesten, die auf groteske Weise von jeder konkreten alltäglichen Situation losgelöst schienen. Wie bei einer Jazzimprovisation musste man sich erst in Fahrt spielen. Und so ergaben sich die packendsten Momente gegen Ende der Veranstaltung: Höhepunkte wie etwa der von Partygelächter begleitete ernste Monolog eines Mannes, der eben noch gestikulierend und Knüffe verteilend über die Bühne gesprungen war, oder der misslingende Discotanz eines leicht verhuschten Paares.

Mit dieser Produktion, die 1999 in Paris zum ersten Mal zu sehen war, beginnt Ingrid von Wantoch Rekowski ihre künstlerische Zusammenarbeit mit dem Hebbel-Theater. Im März wird ihre Inszenierung von Luciano Berios Hörspiel "A-Ronne II" zu sehen sein. Nach diesen gelungenen theatralischen Etüden freut man sich schon heute darauf, was ihr dazu eingefallen sein mag.Die Produktion ist noch einmal heute, 20 Uhr, im Hebbel-Theater zu sehen

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