Kultur : Meine Sprache: Do you speak Globisch?

Rudolf Walter Leonhardt

Aller Anfang ist schwer. Meine Sprache sollte wohl Deutsch sein. Aber wer "dort können Sie geholfen werden" sagt, spricht auch deutsch. Dann ist vielleicht "meine Sprache" das amtlich geregelte Deutsch, dessen Grammatik es verbietet, intransitive Verben ("helfen") mit einem Objekt im Akkusativ ("Sie") zu verbinden. Dieser Satz ist vermutlich korrekt. Aber eine Sprache ist er auch nicht. Dabei sind es nicht so sehr die drei lateinischen Vokabeln und der griechisch lateinische Mischling "Grammatik", die mich stören. Im Gegenteil: Ohne Fremdwörter kommt meine Sprache nicht aus. Das wäre ja auch gelacht in einer Welt, die das Globale anstrebt. Einige Leute bilden sich sogar ein, "global" zu denken. Dennoch spricht keiner Globisch, wie die einer globalen Welt angemessene Sprache wohl heißen müßte. Aber die gibt es nicht, sonst müsste sie ja im "22., völlig neu bearbeiteten und erweiterten" Duden verzeichnet sein. Wobei ich mich frage, ob dieser Duden auch "völlig alt bearbeitet" hätte sein können.

Eine globische Sprache hat es nach dem Turmbau zu Babel nie wieder gegeben. Es wird sie auch nie wieder geben. Zwar haben wir die globale Kommunikation erfunden. Wir können im Internet, jede mit jedem, rings um die Erde chatten - wenn wir einander nur verstehen könnten. Was das betrifft, haben wir eher einen Rückschritt gemacht. Etwa 700 Jahre lang konnten Menschen der gleichen Kultur von Irland bis Kleinasien sich auf lateinisch verständigen - gewiss nicht alle, jedoch diejenigen, die einander etwas zu sagen hatten. Davon konnte sogar ich noch Gebrauch machen. Mit einem Schintoisten-Prediger konnte ich mich zwei Stunden lang mit Hilfe von Lateinisch (und ein bisschen auch von Händen und Füßen) sehr schön verständigen.

Die Computergeneration ist seit ein paar Jahren dabei, das Lateinische durch Englisch zu ersetzen. Es ist eine Art von Englisch, die als Pidgin-English bekannt ist und im Flugverkehr erfunden wurde. Sie kennt keine Deklinationen und keine Konjugationen. Ihr Wortschatz ist klein.

Die Engländer müssten doch froh sein. Ihre Sprache, die Sprache Shakespeares, wird Globisch, wird Weltsprache. Weit gefehlt. Mein Londoner Freund Ian leidet unter dem Pseudo-Englisch. "Es war schlimm genug, was die Amerikaner mit dem Englischen angestellt haben. Und nun das!"

Es wäre denkbar, dass die mit ihrer Sprache eng Verbundenen fliehen aus dem Globalischen und zu Hause nur noch ihre Regionalsprache pflegen. Dass auch in der Literatur die Regionalsprache wieder vorherrscht. Aber wo finden Engländer eine Sprache, die nicht vom Globisch verschluckt wird? Vielleicht das Gälische, wie es heute nur noch Eigenwillige in Wales und Irland sprechen. Wie immer es auch ausgehen mag - ein reiner Segen ist das Globische nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar