Kultur : Meine Sprache: Rodolf Walter Leonhardt über Varianten des Spottens

Ein Leser fragte: Worin sehen Sie den Unterschied zwischen "ironisch", "sarkastisch" und "zynisch"? Ich hätte ihn beinahe gebeten: Fragen Sie mich was Leichteres. Vielleicht: Was bedeuten Hawkings schwarze Löcher im Universum? Aber Sichdrücken gilt nicht. Die Frage ist ja nicht unsinnig. Die drei Adjektive haben zwar ursprünglich überhaupt nichts miteinander zu tun; aber sie haben trotzdem einiges gemeinsam. 1. Sie werden oft verwechselt. 2. Ihre Essenz ließe sich mit "Spott" umschreiben. 3. Sie schmücken sich alle griechischer Herkunft. 4. Sie tauchen in ihrer heutigen Bedeutung erst während der Renaissance auf.

Da Sprache oft mehr mit Gefühl als mit Logik zu tun hat, fragte ich meinen wissbegierigen Freund: Welche dieser Eigenschaften sähen Sie denn am liebsten auf sich selber angewendet? Die Reihenfolge wurde von anderen bestätigt, und ich schließe mich ihr an. Ergebnis: Am liebsten sähen wir uns als ironisch; an zweiter Stelle kommt sarkastisch; am Ende folgt zynisch.

"Ironisch" hat mit den anderen Eigenschaften gemeinsam, dass diese Art zu fühlen vor allem im Reden und im Schreiben, am deutlichsten im Dialog sich ausdrückt. Es ist ein leiser Spott, ohne Obszönitäten. Sein Meister ist Oscar Wilde. Bei ihm geht es zwar immer wieder um Erotisches. Aber selbst in der einst als skandalös verabscheuten Urfassung des "Dorian Gray" fällt kein vulgäres Wort.

"Sarkastisch" wird vom griechischen "sarkazein" hergeleitet, das einmal "Fleisch zerreißen" bedeutet hat. Bei solchen Kotzbrocken geht es blutiger her. Ein Deutscher fragt einen Cockney: Ist (Schadenfreude) nicht eigentlich ein deutsches Wort?" Dann muss er auf die staubige Antwort gefasst sein: "Off course. Diesen Scheißdreck haben wir im Krieg von euch gelernt." So hasserfüllten Spott kann man oft in Kneipen hören. Vor allem, nachdem die heimische Fußballmannschaft verloren hat.

"Zynisch" ist in seinem Wortverbrauch eher zurückhaltender. Während "sarkastisch" oft eine Hass-Bombe ist, durch Wut gezündet und nach einiger Zeit wieder erloschen, kann beim Zyniker der Sprachgebrauch übergreifen auf den Charakter. Vielleicht ist es klug vom Duden, "Zyniker" und "Kyniker" zu unterscheiden. Philologisch ist das nicht zu vertreten. Beide stammen vom griechischen Hund "kyon" ab. Doch von der Bewegung (nicht Philosophie!) der "Kyniker", zu der ein so bewundernswerter Mann wie Diogenes stand, ist es doch ein allzu weiter Weg zu den Zynikern unserer Zeit.

Über sie, die männliche und weibliche Jugend Europas, schrieb der englische Weise Bertrand Russell: Bei ihnen "ist Zynismus ein Mischergebnis aus gewohnter Lebensbequemlichkeit und Machtlosigkeit. Machtlosigkeit gibt die Empfindung, dass sich nichts lohnt, getan zu werden."

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