Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt erklärt, wie man Englisch nicht lernt

Jede Sprache ist auf eigene Art schwer. Für Deutsche mag Englisch als die leichteste europäische Nachbarsprache gelten. In Wirklichkeit ist es die schwerste; für alle anderen Europäer übrigens auch. Es ist nicht nur in Deutschland die am weitesten verbreitete Zweitsprache - nur hat das nichts mit Leichtigkeit zu tun oder Schwierigkeit.

Was aber macht Englisch so schwer zu lernen? Dass die Grundstruktur eines Satzes im Prinzip die gleiche bleibt - Subjekt, Prädikat, Objekt - macht die Sache eher leichter. "Der Mann trägt den Korb" - "The man carries the basket". Auch die Nebensätze kennen im Englischen keine Umstellung, es bleibt also bei "when the man carries the basket". Kinderleicht? Nun ja, es kann auch komplizierter werden. Richtig jedoch bleibt, sich zunächst auf den Hauptsatz und seine Grundordnung zu stützen, wie bei den meisten anderen Sprachen.

Die größte Schwierigkeit macht die riesige Menge der englischen Wörter. Man will 60 000 gezählt haben. Ich habe nicht nachgezählt. Aber es hat sich jemand die Mühe gemacht, in Shakespeares Werken 33 000 verschiedene Wörter zu finden. Denen sollte niemand nachjagen. Der Durchschnittsengländer kommt auch mit 3000 aus.

Einen zu großen Teil seines Gedächtnisses sollte man nicht in Vokabeln investieren. Sehr seltene Wörter kann man noch immer im Lexikon nachschlagen. Unlängst fand ich in einer Zeitschrift einen Test-Bogen, der Englisch-Lernende über den Stand ihrer Kenntnisse informieren sollte. Beispiele: Heißt eine Wärmflasche "stomach ease bottle"? - "Was bedeutet "I was caught with my pants down"? - Wenn jemand stirbt, wie nennt man das? "He kicks the bucket" oder "He gets the wooden spoon" oder "He keeps a stiff upper lip"? Da geben wir doch gerne einfach den Löffel ab.

Bleibt bei der gebotenen Kürze die Schwierigkeit im Englischen, die von vielen am meisten gefürchtet wird: die Aussprache oder, anders herum, die Orthographie. Man hat es in der Tat nicht leicht mit fünf Vokalen, die fünfmal verschieden gesprochen werden. Zum Beispiel das "a"! Bar, bank, hasty, malign, Mall, mare. Und es gäbe noch die eine oder andere Variante der Aussprache, etwa wenn Diphthonge dazu gezählt werden (Musterbeispiel: to laugh).

Wer zwischen Geschriebenem und Gesprochenem dauernd wechseln will oder muss, hat einen schweren Stand. Wer sich allein auf Lesen oder auf Sprechen beschränken kann, lebt leichter. Viele Lehrer beschränken sich darauf, das Mündliche vorzuziehen. Mir scheint das vernünftig. Die andere Partei klagt, dann können die Lehrlinge aber gar nicht Shakespeare im Urtext lesen. Keine Sorge. Wenn sie keine Profis sind, dann können sie das ohnehin nicht. Sogar Fachleute werden sich nicht einig, wohin Hamlet Ophelia schickt: ins Kloster oder in ein Bordell.

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