Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt fordert: Helft den Schwachen!

"Bitte klären sie mich und die anderen Leser auf", schreibt Herr Wolf. Aber gerne. Er kennt nur "sie gebiert", schreibt er. Ich aber habe geschrieben, "sie gebärt" und gedenke, dabei zu bleiben. "Ist das vielleicht gar schon zulässiger Sprachgebrauch?" fragt Herr Wolf mit einem Unterton von Empörung. In der Tat: Es ist.

Ich schreibe ab aus meinem "nigelnagelneuen" (schweiz. für funkelnagelneu) Duden. Da steht "gebären; du gebärst, sie gebärt (geh. gebierst, gebiert) 1 du gebarst; du gebärest; geboren (vgl. d.); gebär (e)! (geh. gebier!)". Den "im Wörterbuch verwendeten Abkürzungen" entnehme ich, "geh." steht für "gehoben", "vgl. d." für "vergleiche das".

Das gehobene, gutdeutsche Gefühl, Recht gehabt zu haben, hebt mich nicht lange. Zwei Fragen quälen mich und rauben mir den Schlaf. Wer sollte wem gegenüber vom Gebären nur in gehobener Sprache reden? Das ist wohl eher philologisch als soziologisch zu beantworten. Dazu, sehr geehrter Herr Wolf, könnte man tatsächlich noch eine ganze Kolumne schreiben. Ich fasse mich kurz.

Da "gebären" ein stark konjugiertes Verb ist, wie sein Partizipium "geboren" verrät, ist der Vokalwechsel vom "ie" zum "ä" die ursprüngliche Form. Der Übergang von "gebiert" zu "gebärt" ist ein Schritt in Richtung auf die schwache Konjugation hin. Wir sollten ihn häufiger gehen. Denn das scheinbar ganz willkürliche Vokalgeläute der starken Konjugation können wir unseren Kindern nicht erklären.

Die andere Frage treibt mich beinahe noch mehr um. Ich bemühe mich, mir eine Szene vorzustellen, in der ein Befehl "gebäre!" (meinetwegen auch "gebier!") am Platze wäre. Tut sich da ein neues Feld auf für wilde Theaterregisseure?

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