Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt liest und liebt erotische Privatchiffren

Es gibt viele Spezialsprachen. Eine Sexualsprache, die sich länger als ein Gedicht lang durchhalten ließe, gibt es noch nicht. (Es wird daran gearbeitet.) Auch in den Schriften des Marquis de Sade oder in James Joyces "Ulysses" überwiegt noch immer die Zahl der Sätze, die unbesorgt in einem Jugendbuch stehen könnten.

Unsere kleine Sammlung hier will nicht unterscheiden zwischen Sexus, Eros und Liebe. Wir sammeln nur ihnen zuzuordnende Sprachpartikel, die wir Privatchiffren nennen. Die Fundplätze liegen in der Literatur. So wie bei Kurt Tucholskys "Rheinsberg": "Die Sache war damals so, dass ich das Buch, nach dem später generationsweise vom Blatt geliebt wurde, an der See schrieb."

Meine zweite Privatchiffre stammt aus Laurence Sternes Roman "Tristram Shandy". Fundort ist passenderweise das Schlafzimmer. Dort pflegte Tristrams Vater, ein wenig pedantisch, an jedem ersten Sonntagabend des Monats die Schlaguhr aufzuziehen und am gleichen Sonntag auch immer "eine andere Familienangelegenheit" zu erledigen. Nicht weniger pünktlich fragte vorher seine Frau: "Pray, my dear, have you not forgot to wind up the clock?"

Eine französische Variante: Swann, in Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit", fährt mit der geliebten Odette in der Kutsche durch Paris. Ihr nahe zu kommen, wagt er nicht. Da gerät die Kutsche ins Wanken, und Odettes Cattleya-Orchideen, die sie im Haar und in einem kleinen schwarzen Samtausschnitt trägt, verschieben sich. Odette erlaubt Swann, sie wieder zurechtzurücken. Das führte endlich zur ersehnten Annäherung - die seitdem "Cattleya spielen" heißt.

Meine Lieblingschiffre kommt aus unserer vierten Sprache. Im fünften Gesang des Inferno der "Göttlichen Komödie" begegnet Dante den Ehebrechern Paolo und Francesca. Dante fragt, wie sie denn in ihre missliche Lage gekommen seien. Francesca antwortet und erzählt von einem Liebesepos: "Wir lasen es eines Tages, allein und völlig arglos. Doch eine einzige Stelle überwältigte uns schließlich: als wir lasen, wie der begehrte Mund von dem so heftig Liebenden geküsst wurde, da küsste der, der jetzt nie mehr von mir getrennt sein wird, mich am ganzen Leibe zitternd auf den Mund.? An jenem Tage lasen wir nicht weiter. - Quel giorno più non vi leggemo avante.

Zum Abschluss noch einmal eine deutsche Chiffre. Sie kann einer Sprache Ton und Thema geben - hier geht es um Erotik. Eine Sprache prägen kann eine Chiffre nicht. Diese schon gar nicht. Denn sie besteht aus einem einzigen Wort. Die Macht der Privatchiffre ist allerdings groß. Der Umgang mit Chiffren verlangt auch große Bildung oder wenigstens Belesenheit. Unseren Chiffren wären wir nie auf den Sprung gekommen ohne Tucholsky, Sterne, Proust und Dante. Die letzte verlangt nun gleich doppelte Kenntnisschaft: eine Ode des größten Dichters vor Goethe sowie die Lektüre des berühmtesten Liebespaares im Sturm und Drang. Wer noch Zweifel hat, wird seiner Sache sicherer werden, wenn ich berichte: Ich kannte einst ein ebenso verliebtes und literarisch kenntnisreiches Paar. Beinahe jeden Tag konnte man sie auf den Tisch klopfen hören, und sie sprachen nur ein Wort: "Klopstock". Damit war alles gesagt.

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