Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über brave Deutsche und andere Homonyme

Der Kandidat in Jauchs Millionenspiel hatte schon einige tausend Mark gewonnen. Die nächste Frage hieß: "Was bedeutet in Costa Brava das Brava?" Zur Wahl standen: ruhig, angenehm, wild, blau. Der Mann dachte eine Weile nach , war sich dann jedoch ziemlich sicher, als er antwortete: "ruhig". Klar doch. Was erwarten wir denn von Kindern, wenn wir sie bitten, brav zu sein? Normalerweise wünschten wir sie uns doch nicht "wild" oder "blau". Der Kandidat war ziemlich schockiert, als Günther Jauch ihm sagen musste, seine Antwort sei falsch.

So kann es jemandem ergehen, der die Tücke der Homonyme nicht kennt. Manche erinnern sich vielleicht an den alten Scherz, wo der Engländer ein bisschen small talk anfangen will und zu dem Deutschen sagt: "Spring in the air" (es ist Frühling in der Luft). Der jedoch kann der sonderbaren Aufforderung nichts anderes entgegnen als ein erstauntes "Why should I?"

Wer Englisch lernt, erfährt früher oder später, dass "spring" nicht nur "Springen", sondern eben auch "Frühling" bedeuten kann - ein Homonym. Das "brava" ist dadurch schwieriger, dass es nicht nur klingt wie die weibliche Form von "bravo" (italienisch, spanisch), wie "brave" (französisch) und "Brave" (englisch), sondern dass es tatsächlich das gleiche Wort ist wie das deutsche "brav". In all diesen europäischen Sprachen jedoch bedeutet es "wild" oder etwas Ähnliches. Von "high hopes of living to be brave men, and worthy patriots" ist bei Milton die Rede. Im Deutschen kommt wie im Englischen das Wilde und Ungebärdige von "brav" von Anfang an weniger zum Ausdruck als in den südlicheren Ländern. "Die teure Brust des braven Mannes allein ist ein sturmfreies Dach in diesen Zeiten" heißt es noch in Schillers "Jungfrau von Orleans". Sogar der neueste Duden bemüht sich , das "brav" weniger unterwürfig erscheinen zu lassen als den "braven Hund". Er umschreibt es mit "tüchtig, artig, ordentlich".

Die Abweichung der deutschen Bedeutung von den anderen in Europa ist dennoch groß genug. Was "brav(e)" ursprünglich bedeutet hat, ist ungeklärt. Sicher haben es die Spanier von den Italienern, die Franzosen von beiden übernommen. Aus Frankreich kam es nach England und Deutschland (wo es noch im 17. Jahrhundert als Fremdwort galt). Dass wir Teutonen die Bedeutung eines Fremdwortes verharmlosen, ist höchst ungewöhnlich. Wo das "brava" neben "costa" steht, gilt freilich die spanische Bedeutung: Esta muy rocosa y revuelta.

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