Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über das maßlos mäßige Maß aller Dinge

Entwickelten sich Sprachen rational, dann hätte es vielleicht nicht passieren können, dass aus einem der liebenswertesten Charakterzüge eine Serie der dümmsten deutschen Plapperwörter hervorgegangen ist. Wir reden von "Maß" und "mäßig".

Als es, wie die Geschichtsbücher lehren, bei uns noch ritterlich zuging, galt als höchste Tugend "die masze". Diese Masze war der griechischen Ataraxie nachempfunden und bedeutete Maßhalten, Gelassenheit, Seelenruhe.

Nun verdankt der Leichtigkeit, mit der im Deutschen Wörter erweitert oder zusammengesetzt werden können, unserer Sprache viel Reichtum - freilich auch viele Narreteien. So kann man, wo "Maß" vorhanden ist, von "maßvoll" oder von "mäßig" oder auch von "regelmäßig" sprechen. Wo das Maß fehlt, wären "maßlos", "unmäßig", "übermäßig" am Platze. In den Rahmen von Aussagen über das Maß passten schließlich auch "maßnehmen" und "maßhalten".

Gehört "behelfsmäßig" in die gleiche Gruppe wie "regelmäßig"? So sagt es Duden, und so beginnt der Unsinn, in den sich virusmäßig Bazillen einschleichen, die dann so superspitzenmäßig enden.

Was mit dem Maße geschieht, wenn man es einer Regel unterwirft, lässt sich verstehen. Der ohnehin nicht sehr oft gebrauchte Behelf hingegen hat gar keine Beziehung zum Maße - wer denn behülfe und wem und warum.

Gemeint ist wohl: das Subjekt ("der Behelf") tritt an die Stelle, in die Form, unter solche Umstände, auf diese oder jene Weise ... Meistens kann man sich was aussuchen. Da kann jemand katzenmäßig sein oder katzenweise - warum nicht gleich "katzenfreundlich"? In finanziellen Dingen empfiehlt sich "mäßig" durch Ungenauigkeit: einkommenmäßig, steuermäßig, geldmäßig, lieber haufenweise als haufenmäßig.

Üben Sie fleißig weiter. Ich habe bisher 271 Mal verlängertes "mäßig" gezählt (sprachenmäßig, wettermäßig, tempomäßig, größenmäßig, gesundheitsmäßig und so weiter). So hoch und noch höher kommen Sie freilich nur, wenn Sie sich fitnessmäßig in Form halten.

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