Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über die Abgründe des Pharmesischen

Wer den Titel verstehen will und manches, was ihm folgt, für den gibt es eigentlich gleich zwei Ratschläge. Meinen: Legen Sie sich den Pschyrembel zu, die 258. Auflage des großen Klinischen Wörterbuches. Oder aber den durchs Fernsehen beinahe zum geflügelten Wort gewordenen: "Wenden Sie sich bei Fragen bitte an Ihren Arzt oder Apotheker."

Die allen Medikamenten beiliegenden "Gebrauchsinformationen" halten sich an diesen zweiten Ratschlag. Die neun engbedruckten Seiten, die ich vor mir liegen habe, beginnen denn auch folgerichtig: "Liebe Patientin! Lieber Patient!" "Bitte lesen Sie diese Gebrauchsinformation aufmerksam, weil sie wichtige Informationen enthält (großzügig, wie wir sind, tadeln wir eine Information, die Informationen enthält, nicht) ... wenden Sie sich bei Fragen bitte an Ihren Arzt oder Apotheker."

Leider musste ich nun einigen Ärzten und Apothekern auf den Nerv gehen ("eigene" Ärzte oder Apotheker habe ich nicht).

"Anwendungsgebiet ... Thromboseprophylaxe und Gerinnungshemmung bei extrakorpolarem Kreislauf während der Hämodyalise und Hämofiltration." Ich wende mich an einen Arzt.

"Gegenanzeigen. Wann darf ... nicht angewendet werden? Bei ... akuter infektiöser Geschwören in der Vorgeschichte." Ich wende mich an einen Arzt.

"Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung (Liebe Patientin! Lieber Patient!) ... Wegen der Gefahr einer hepararininduzierten Thrombozytopenie ist die Thrombozytenzahl während der Behandlung (liebe Patientin! lieber Patient!) ... regelmäßig zu kontrollieren." Ich wende mich an einen Apotheker.

"Wechselwirkungen ... Die Wechselwirkung von Heparin mit Nitroglycerin intravenös, die zu einer Wirkungsabschwächung von Heparin führen kann, kann für ... ebenfalls nicht ausgeschlossen werden."

Ich bitte alle Ärzte und Apotheker um Entschuldigung, denen ich auf die Nerven gegangen bin, indem ich ihnen ihre Zeit gestohlen habe. Ich brauche ihre Hilfe, um die Pharma-Leute fragen zu dürfen: Wer oder was berechtigt Sie zu der Einbildung, Ärzte und Apotheker könnten oder wollten uns das erklären, wozu Sie offenbar unfähig sind? Es ist doch Ihr Produkt, das Sie verkaufen. Welcher Autohändler käme auf die Idee, ich müsste bei Fahrlehrern erst einmal kostenlos lernen, wie man mit einem Auto umgeht? Und wer regt sich dann noch über Fremdwörter auf?

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