Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über die Frage, wie man Japanisch lernt

Es wird Zeit, dass einer seine tausend Mark bezahlt. Vor vielen Jahren hatten der große Übersetzer und der kleine Schriftsteller gewettet: Bis zum Jahre 2000 kann der Computer einen Text so übersetzen, dass 1. der Inhalt stimmt, 2. die Grammatik stimmt, 3. Stil und Tonfall stimmen. "Stil und Tonfall" sind das Schwierigste. Sie einigten sich so: Als Autor muss Balzac oder Dickens oder Dostojewskij, darf auf keinen Fall der Computer erkennbar sein. Lyrik zählt nicht.

Wer heute ins Deutsche übersetzte Gebrauchsanweisungen liest, der merkt bald, wer der Übersetzer war. Eine intelligente Sekretärin schneidet dabei noch immer besser ab als der teuerste Computer. Jeder kompetente Mathematiker könnte beweisen, warum man die Komposition von Wörtern nicht ähnlich rechnen kann wie die Züge von Schachfiguren.

Was Sprache im Allgemeinen und Übersetzungen im Besonderen anlangt, ist der philologisch trainierte Menschenverstand dem Computer nach wie vor überlegen. Andererseits können selbst die besten Übersetzer - Burkhart Kroeber, Hans Wollenschläger, Harry Rowohlt, Hans Magnus Enzensberger - sich großer Literatur nur annähern. Mit Grammatik haben sie keine Schwierigkeiten und mit Wörtern nur selten. Stil und Tonfall sind die wunden Punkte.

Da große Übersetzer so selten sind wie große Schriftsteller, kann kaum ein Verlag sie sich leisten. Durchschnittsübersetzer sind froh, wenn sie einigermaßen hinkommen mit den Worten und ihren Verbindungen. Wahrscheinlich gedeihen auf dem Büchermarkt am besten Kriminalromane, da dort nur Handlungsabläufe einigermaßen richtig wiedergegeben werden müssen. Da Ähnliches bei Pornos genügen mag, während in Liebesromanen alles auf den richtigen Ton ankommt, tun sich die meisten Übersetzer mit Erotik schwer.

Ein japanischer Roman macht Furore in Amerika. Besonders heikel wird Sexuelles in (für uns) exotischen Sprachen. Der deutsche Lektor hatte die vermutlich nicht allzu zartfühlende amerikanische Übersetzung von Haruko Marukamis "Gefährliche Geliebte" gelesen und ins Verlagsprogramm aufgenommen. Keines der vier Mitglieder eines deutschen "Literarischen Quartetts" war des Japanischen mächtig. Eine Jurorin nannte den Roman ekelhaft und obszön. Nach dem Krach äußerte sich ein Hamburger Japanologe: Obszönes habe er darin nicht gelesen. Ein solches Urteil hätte man direkter, freilich nicht billiger haben können. Viele deutsche Literaten kennen Hisako Matsubara. Sie spricht Japanisch, Amerikanisch und Deutsch gleich gut. Ihre "Gefährliche Geliebte" hätten wir vielleicht gern gelesen.

Einem zweiten Weg zu einer adäquaten Übersetzung bin ich vor kurzem begegnet. Es ging um den Roman "Edwin Drood". Charles Dickens starb, ehe er ihn beenden konnte. Was geschrieben war, wurde von einem sehr guten Übersetzer ins Deutsche übertragen. Dann schrieb eine fantasievolle Anglistin das Ende dazu, nachdem sie den Ton von Dickens gründlich studiert hatte. Die deutsche Version des Übersetzers und der Dickens nachgeahmte Stil der deutschen Anglistin gehen bruchlos und dickens-voll ineinander über. Es kann nicht jeder jede Sprache kennen. Deswegen sind Übersetzungen auch für unsere Sprache so wichtig.

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