Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über Sprachgrenzen und Weltsprachen

Es gibt eine treffende Umschreibung für die jetzt so oft beschworene "Solidarität". Sie heißt: die gleiche Sprache sprechen. Vor dem Turmbau von Babel muss das einfach gewesen sein, herrliche Zeiten. Heute haben wir fünftausend verschiedene Sprachen. Auf ein paar hundert kommt es dabei nicht an. Nicht, weil die philologischen Statistiker nicht richtig zählen könnten. Sondern weil eine strenge Trennlinie nicht gezogen werden kann, an der ein Dialekt Sprachstatus beanspruchen kann.

Ein nahe liegendes Beispiel ist Skandinavisch ("Nordisch") mit Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Isländisch. Macht und Größe des Mutterlandes spielten bei der Sprachteilung oft eine wichtigere Rolle als vokabularische und grammatikalische Kriterien. So brachten zum Beispiel das spanische und das britische Kolonialreich ganze Weltunterscheidungen durcheinander.

Als ich noch ein junger Mensch war, galt China, größte Sprachmacht, auch als die kommende Großmacht der Welt ("gelbe Gefahr"). Größte Sprachmacht (über eine Milliarde Sprecher) ist es noch immer. Vielleicht ist der Rang als erste Großmacht aufgeschoben, nicht aber die Diktatur im Reich der Mitte, am Rande der Welt. Und schließlich hat sich eine neue Art der Sprachmacht unvorhergesehen in den Wettbewerb eingemischt: die Zweitsprache. Mit (geschätzt) 900 Millionen Zweitsprechern hat sich eine einst eher unbedeutende englische Dependance in zweihundert Jahren weit vor die Chinesen geschoben. Und nicht nur die Chinesen sind die Konkurrenten des Englischen, sondern die Menschen des untergegangenen Großreichs der Osmanen, heute bekannt als Araber, Palästinenser, Afrikaner.

Große Reiche gründen sich auf große Ideen, oft religiöse. Mohammed versuchte, ein großes arabisches Reich zu gründen und ihm die gleiche Sprache zu geben, den Koran. Es bestand zweihundert Jahre lang. Mit der Sprache zerbrach das Reich. Durch neuarabische Mundarten entstanden neue arabische Staaten, Sprachgegenden: Irakisch, Mesopotamisch, Syrisch, Palästinensisch, Ägyptisch, Libysch, Maghrebinisch, Tunesisch, Algerisch, Marokkanisch. Erst im vergangenen Jahrhundert scheint ein neuer Traum von einem Reich des Islam wieder erwacht zu sein.

Man kann sich, von den Eskimos vielleicht einmal abgesehen, keinen weniger geeigneten Gegner dieser Vision vorstellen als die Vereinigten Staaten von Amerika. Aus Kriegen sind schon Reiche entstanden. Terror jedoch zerstört nur, gründet nichts. Am Mississippi und am Nil wird man nie die gleiche Sprache sprechen. Wo ein Cassius Clay Muhammed Ali und Moslem wird, begeben wir uns auf eine andere Bühne. Die geistige Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum wird nicht auf einem Schlachtfeld ausgetragen. Für manche von uns ist sie interessanter.

Sind so kleine Denkanstöße unseriös? Ich bitte unsere Leser um Entschuldigung. Für tausend Seiten Sprachwissenschaft hatte ich gerade weder Zeit noch Platz.

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