Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leonhardt über zusammen oder getrennt

Mein Katechismus, der in Frage und Antwort eine Weltreligion erklären will, benötigt dafür 317 Seiten. Mein Duden, dessen Ziel es ist, gesprochene deutsche Wörter korrekt in geschriebene umzusetzen, braucht dazu 1152 Seiten, und es fällt einem schwer, nicht zu jeder Seite noch eine Kolumne dazuschreiben. Aber wir wollten ja nicht den Wörterwahn pflegen, sondern uns einem Gebiet zuwenden, das über das Schreiben hinaus- und in das Denken hineinführt.

Einen schönen unverständlichen Satz aus dem Duden möchte ich, zur Überleitung, noch zitieren: "Zusammen schreibt man, wenn die Vorstellung der Tätigkeit vorherrscht und die des Hauptwortes verblasst ist." Damit wollte man seinerzeit, vor der Reform, so recht klar machen, warum es "rad- und Auto fahren" heißen soll. Nun, da das Rad sich seiner Blässe entledigt hat, können wir uns um Wichtigeres kümmern.

Es geht auch dabei um zusammen oder getrennt schreiben, aber Vorherrschen und Verblassen helfen nicht weiter. Da muss man sich, was ja nie schaden kann, darüber klar werden, was man eigentlich sagen will. Da werden wir unterscheiden müssen, ob eine fade Party wieder belebt oder ein Halbtoter wiederbelebt werden soll. Von innen Druck ist unangenehm, Innendruck jedoch gefährdet das Augenlicht. Ob sie etwas wohl tut, weil es wohltut? Wenn wir zweimal zwei hinschreiben, bekommen wir 22; wer zwei mal zwei rechnet, kommt auf vier. Wer sechs und sechzig addiert, schafft sechsundsechzig. Für viele von uns ist es etwas anderes, ob der Wetterdienst Frühnebel voraussagt oder ob wirklich am nächsten Morgen früh Nebel sich ausbreitet. Gebärt eine Frau Kinder leicht, oder ist ihr die ganze Sache kinderleicht? Ist einer die Treppe herunter gekommen, oder ist er in jeder Weise heruntergekommen? Will jemand recht zeitig da sein, oder genügt es ihm rechtzeitig Fragen wir als letztes, ob jemand so weit wie möglich eindringen will oder nur soweit möglich (wenn gar nicht, dann eben nicht).

Duden glaubt, auch die durch Denken begründete Trennung schlicht erklären zu können. "Der Entwicklungsvorgang bringt es mit sich, dass Getrennt- und Zusammenschreibung nebeneinander stehen können. Nebeneinander? "Rad und Auto fahren" - wenn das nebeneinander nur gut geht.

Richtiger scheint mir: Der Katechismus will unveränderlich feststehen bis in alle Ewigkeit. Der Duden und andere Lexika hingegen können nur Anhaltspunkte geben und verlangen, genau genommen, wider neue Reformen. Der eine mag das cool finden, der andere heiß - und dabei können beide das gleiche meinen.

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