Kultur : Meine Stirn, deine Locke

Multikulti antik: Wie Griechen und Römer Ägypten kopierten. Eine Ausstellung in Frankfurt am Main

Vob Sandra Danicke

Als der griechische Geschichtsschreiber Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. Ägypten bereiste, kam ihm das Land ziemlich merkwürdig vor. Hier hüteten die Männer das Haus, und die Frauen gingen arbeiten. Man aß im Freien und verrichtete seine Notdurft im Haus. Während sich Priester anderswo die Haare wachsen ließen, mussten sich die ägyptischen Geistlichen Kopf und Körper rasieren, und statt der Söhne waren die Töchter für den Unterhalt der Eltern verantwortlich. Überdies gab es am Nil Göttergestalten mit Tierköpfen. Alles in Ägypten, so folgerte Herodot zunächst, sei anders als in der übrigen Welt.

Einige Gemeinsamkeiten musste der große Gelehrte dann aber doch einräumen: Mancher der griechischen Götter schien den ägyptischen dermaßen ähnlich, dass Herodot nicht umhin konnte, zu vermuten, die Griechen hätten sich bei den ägyptischen Kulten einiges abgeschaut. Dionysos zum Beispiel wäre demnach eine Umdeutung des Osiris.

Wie die antiken Hochkulturen sich wechselseitig beeinflussten, untersucht derzeit eine umfangreiche Ausstellung im Frankfurter Städel, in deren Vorfeld ausführliche wissenschaftliche Untersuchungen das Thema von allen nur denkbaren Seiten beleuchteten. Unter dem Titel „Ägypten Griechenland Rom – Abwehr und Berührung“ zeigt das Kunstinstitut in einer mit dem Liebighaus erarbeiteten Schau nun knapp 400 Exponate, die vom zweiten Jahrtausend vor Christus bis zum Ende der Antike reichen und aus 75 Museen und Sammlungen zusammengetragen wurden. Darunter finden sich prachtvolle Marmorskulpturen, Sphingen, Sarkophage, Wandmalereien aus Pompeji, Vasen, Schmuck und Kunsthandwerk.

Über Jahrtausende hinweg bestanden zwischen Ägypten, Griechenland und Rom intensive Kontakte. Während die Ägypter sich gegenüber fremden Einflüssen in Kunst, Kultur und Religion jedoch lange Zeit resistent zeigten, da sie im Fremden das Chaos wähnten, war man in Griechenland voller Bewunderung für die Bildwelt der Ägypter und ließ sich begeistert von den exotischen Vorbildern zu eigenen Kreationen inspirieren. Um den Bedarf nach ägyptischen Waren zu befriedigen, ließ man in griechischen Städten sogar Imitate produzieren. Allerdings gibt es unter den gezeigten Exponaten auch deutliche Belege für massive Fremdenfeindlichkeit. Etwa ein Gefäß aus der Zeit um 500 vor Christus, auf dem Herakles dargestellt ist, wie er gegen den ägyptischen König Busiris kämpft: Sämtliche Ägypter sind als schmächtige Feiglinge mit fliehenden Stirnen, breiten Nasen und struppigem Haar karikiert; Busiris selbst verkriecht sich sogar hinter den Altar.

Die Zeugnisse der Bewunderung für die ältere Hochkultur überwiegen jedoch bei weitem, und auch später in Rom herrschte eine regelrechte Ägyptomanie: Obelisken dienten der kaiserlichen Repräsentation, und ägyptische Götterkulte kamen in Mode. Vor allem Isis wurde in der hellenistisch-römischen Welt verehrt, als wäre sie eine von ihnen; unzählige Bildnisse, darunter einige in der Ausstellung, zeugen davon und zeigen Isis bisweilen sogar in hellenistischem Faltengewand.

Bereits im 7. Jahrhundert vor Christus gaben ägyptische Vorbilder den Anstoß zur Entwicklung der Großplastik in Griechenland. Überdeutlich erinnern die damals entstandenen Jünglingsskulpturen, Kouroi genannt, an ihre Vorbilder vom Nil: frontal ausgerichtet, mit leicht angewinkelten Armen, das linke Bein vorgesetzt. Bloß, dass die Kouroi nackt waren, was in Ägypten, wo Kleidung als Statussymbol galt, undenkbar gewesen wäre. Dem gleichen Typus folgt eine fast lebensgroße Rosengranit-Statue Alexanders des Großen (spätes 4. oder frühes 3. Jh. v. Chr.), die im Jahr 2000 vom Liebieghaus Frankfurt erworben wurde und den Anstoß zur Ausstellung gab. Sie zeigt den makedonischen Welteroberer als ägyptischen Pharao mit Schurz und Kopfbedeckung, wenngleich sie das traditionelle Motiv durch Bewegungen und Asymmetrien dynamisiert. Auch die Stirnlocken, die aus dem Kopftuch herausschauen, spielen in einer griechische Variante mit der ägyptischen Formensprache, der ein solches Motiv fremd war. Auf den ersten Blick jedoch überwiegen die Ähnlichkeiten, etwa mit der ebenfalls ausgestellten zweitausend Jahre älteren Kalkstein-Figur des Anch-Userkaf.

Die Eroberung des Landes durch Alexander war es schließlich, mit der sich die kategorische Ablehnung Ägyptens gegenüber fremden Motiven schlagartig änderte. Die Ägypter hatten Alexander als Befreier von der Perserherrschaft wohlwollend empfangen, und dieser würdigte die Traditionen der unterworfenen Völker. Zeugnisse der anschließenden Ptolemäerzeit belegen einen intensiven Austausch beider Kulturen. Hier durchdrangen sich die Stilformen auf eine Weisen, die eine Zuordnung für den heutigen Betrachter nur schwer möglich macht.

In der Römerzeit schließlich kehrt sich das Verhältnis um, griechisch-römische Elemente gewinnen an Dominanz. Ohne Herkunftsschilder käme man gewaltig ins Schleudern.

Städel, Frankfurt, bis 26. Februar. Katalog 29,90 Euro

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