Meineckes liebste Jazzplatte : Tanz der galaktischen Aliens

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Vor vierzig Jahren gründete Joachim Ernst Berendt die Berliner Jazztage, das heutige „JazzFest“, das noch bis zum Sonntag dauert. Zum Jubiläum haben wir sechs Autoren nach ihrer liebsten Jazzplatte aus diesen vier Dezennien gefragt. Bisher schrieben Fritz Rudolf Fries und Wim Wenders.

Sun Ra zunächst ewig nicht verstanden, anderen Jazz aber schon seit der Kindheit gediggt, von Bix und Prez bis zu Monk und Miles. Dann, mitten in dem produktiven Lärm der Post Punk-Bewegung, brachte Sun Ra 1978 ein Album namens Disco 3000 heraus, auf dem er in kleiner Besetzung zu einem Rhythmusgerät ungeheuer hypnotische Keyboard-Figuren improvisierte: Ich war sofort begeistert, als Eklektizist, Popist, New-Wave-Twen und Jazz-Fan. Kaufte mir ab da jede Sun Ra-Platte, die ich kriegen konnte, sollte den Künstler 1983, meine erste Arbeit fürs Radio, sogar interviewen. Wo er mir dann von seinem Geburtsort Saturn erzählte und von seiner irdischen Ankunftszone im Süden der USA. Von den diasporisch dissidenten Standortbestimmungen afrikanisch-amerikanischer Künstler hatte ich noch keine Silbe gehört, aber ich glaubte jedes Wort. In „Disco 3000“ ist denn auch Ras Hymne „Space is The Place“ eingebaut. B-Seite: „Third Planet“, „Friendly Galaxy“, „Dance Of The Cosmo-Aliens“, mit „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ untergejubelt. Zunächst Pianist bei Fletcher Henderson, baute Sun Ra dessen elegante Swing-Arrangements bis zum Ende seines Lebens immer wieder in die grandiosesten Freak-Outs ein. Dann, seit den Fünfzigerjahren, das legendäre, herumstreunende, intergalaktische Arkestra, von Jazz-Spießern verpönt, heißgeliebt von meinen Freunden und mir. Eigentümliche Männerkommune, auch.

Thomas Meinecke ist Mitglied der Band FSK, Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk und Schriftsteller. Zuletzt erschien bei Suhrkamp sein Roman „Musik“.

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