Kultur : Meister aller Klassen

Der britische Komponist und Dirigent George Benjamin macht in Berlin Karriere

Ulrich Pollmann

Britische Künstler fühlen sich von Berlin magisch angezogen. Grund dafür, so will es das Klischee, sind die günstigen Lebenshaltungskosten bei einem durchaus mit London vergleichbaren Kulturangebot. George Benjamin, in dieser Saison „Composer in Residence“ beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO), fühlt sich allerdings aus anderen Gründen hier äußerst wohl: Er hat einfach Erfolg in Deutschland, findet beste Arbeitsbedingungen und ein offenes Publikum.

Dass ihm Deutschland zur zweiten Heimat werden würde, war in seinem Werdegang zunächst nicht vorgezeichnet. Denn den in London geborenen 15-jährigen George zog es zunächst nach Paris zum Mentor der französischen Musik, Olivier Messiaen. Ein versonnenes Lächeln kann man dem heute 44-Jährigen aufs Gesicht zaubern, wenn man ihn auf Messiaen anspricht. Denn die Begegnung war auch menschlich prägend: „Er war der freundlichste Komponist, der mir je begegnet ist“, schwärmt er, und unwillkürlich denkt man, dass davon wohl einiges hängen geblieben ist.

Musikalisch indes hat sich George Benjamin früh von Messiaen gelöst. Die Entwicklung eines Stückes ist es, die ihn fasziniert. Das Organische, das Wachstum aus einer Zelle heraus reizt ihn. So wurde seine zweite französische Bezugsperson schnell Pierre Boulez, damals Messiaens Antipode. Schon mit 20 hatte der junge Benjamin erste durchschlagende Erfolge. Mit seinem Orchesterwerk „Ringed by the flat Horizon“ war er der jüngste Komponist, der je bei den BBC Proms in London aufgeführt wurde.

Es folgten Aufführungen in Paris, mit den Orchestern in Chicago, Boston und Cleveland und in Salzburg - Weltniveau zeichnet seinen Werdegang durchgehend aus. Sitzt man dem bescheiden wirkenden Komponisten gegenüber, spürt man unwillkürlich einen Gegensatz zwischen Karriere und unspektakulärer Erscheinung. Was macht ihn als Künstler aus? Jedenfalls hat Benjamin im Gegensatz zu vielen Kollegen kein scharf umrissenes Image; um in moderner Werbediktion zu sprechen: Er hat kein Markenzeichen. Weder präsentiert er eine Kompositionstechnik als allein selig machend, noch verbindet er seine Musik wortreich mit außermusikalischen Ansprüchen.

Abgesehen von seinem immensen musikalischen Können: In George Benjamin vermischen sich einfach englische, deutsche und französische Einflüsse auf eine ganz natürliche und unspektakuläre Weise. Die englische Neigung zu leichter musikalischer Verständlichkeit findet bei ihm zusammen mit einer sehr deutschen Vorstellung von musikalischer Logik und Entwicklung, aber auch mit französischem Klangsinn. Benjamin kann schlichte Klangfiguren exponieren, er kann üppigste polyphone Geflechte daraus wirken, und er tut das in immer neuer Weise, seine nicht sehr zahlreichen Stücke klingen keineswegs ähnlich.

Darüber hinaus ist Benjamin auch Dirigent: Drei der fünf Konzerte mit Stücken von ihm hat er beim DSO selbst geleitet, die anderen übernahm Kent Nagano. „Für englische Komponisten“, sagt er, „ist es heute selbstverständlicher als für deutsche, das Orchester als Haupt- und Lieblingsinstrument zu betrachten. Mich jedenfalls fasziniert es immer wieder, wenn viele Menschen gemeinsam Musik machen“. Eine Kariere als Dirigent hat Benjamin allerdings nie angestrebt, sein Interesse beginnt erst bei der frühen Moderne. Doch gerade sein Einsatz für die Zeitgenossen macht Benjamin als Orchesterleiter so interessant, dass ihn die Berliner Philharmoniker eingeladen haben, im Mai 2006 bei ihnen zu debütieren.

Am 6. Mai dirigiert George Benjamin das DSO in der Philharmonie.

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