Kultur : Meister der Empörung

Theatersport für Halbstarke: Tilmann Köhlers „Hamlet“ am Gorki Berlin

Andreas Schäfer

Vielleicht führt uns der weiße Turnschuh ins Zentrum dieses Abends. Er taucht, wie üblich, paarweise auf und – wenn wir uns nicht verzählt haben – in neun verschiedenen Varianten an insgesamt 18 Schauspielerfüßen. Mit drei Streifen oder verspielt bunten Punkten beklebt, aus bodenständigem Segeltuch oder als klobiger Baskettballklotz mit schwarzer Haube.

Eigentlich tragen alle Turnschuhe: die Jugend und der Hofstaat, was auch einleuchtend ist. Die Jugend will. Irgendwohin fliehen, zum Beispiel nach Frankreich, denn in Dänemark ist was faul (Laertes). Oder hoch hinaus und aufklärerisch denken und dabei die Haut des verlogenen Scheins durchstoßen (Hamlet). Oder im Liebeszweifel zucken und taumeln (Ophelia). Für’s Rennen, Springen und Abstoßen sind Turnschuhe ideal. Der Hofstaat dagegen muss. Briefe übergeben (Horatio) oder still hinter Vorhängen lauern (Polonius), aber auch fürs Eilen, Schleichen und Lauern sind Gummisohlen geeignet. Folgerichtig tragen nur die Herrscher keine Turnschuhe: Claudius, der Neukönig, der seinen Bruder getötet hat und dessen Witwe Gertrud ehelichte, Hamlets Mutter. Die beiden brauchen sich nicht zu bewegen. Sie brauchen nur auf ihrer Macht zu sitzen und zu hoffen, dass ihre Tat nicht ans Tageslicht kommt.

So weit, so nachvollziehbar. Es wird also viel gerannt und losgeprescht in Tilmann Köhlers „Hamlet“ Inszenierung am Maxim-Gorki-Theater. Kaum hat man sich e daran gewöhnt, fällt einem auf, dass Matthias Reichwald als König, dem die Kostümbildnerin Susanne Uhl fiese Machthaber-Slipper verpasst hat, gar nicht repräsentantenhaft still hält, sondern auch tobt und Stirn und Schultern wütend nach vorne stemmt. Als sei er kein König, sondern der Möchtegernheld eines Neuköllner Billardsalons. Auch ist Reichwald nicht älter als Max Simonischeks Hamlet – womit sich nicht nur die schöne Turnschuh-Theorie, sondern auch einer der Hauptkonflikte des Stücks auflöst. Dieser Mörderkönig ist kaum ernst zu nehmen und taugt weder als Strippenzieher noch als Ursache für Hamlets kosmische Wut. Hamlet hat keinen Gegner! So geht es zu an diesem Shakespeare-Abend.

Tilmann Köhler ist ein 28-gjähriger sogenannter Regie- Shooting Star, der – worauf das Programmheft extra hinweist – meist mit einem jungen, zum Teil noch aus seinen Weimarer Anfängen stammenden Ensemble arbeitet. Bei der Stückauswahl ist er so mutig, unbescheiden „Othello“ oder „Faust“ auszuwählen, er verbindet Achtung vor dem Text mit jungenhafter Inszenierungsimpulsivität. Bei Köhler ist immer was los und man bekommt trotzdem klassisch eine Geschichte runtererzählt – ähnlich wie bei Armin Petras. Aber anders als bei Petras weisen Köhler-Abende kaum Innerlichkeit auf, öffnen keine Verzweiflungsräume, sondern sind auf sterile Weise unterhaltend. Wie in der Inszenierung „Krankheit der Jugend“, mit der Köhler 2007 zum Theatertreffen eingeladen war, verwechselt er auch diesmal Kraftmeierei mit Figurenwucht und Aktionismus mit Emotionalität.

Max Simonischek ist der Chef dieser Theaterwehrsportgruppe. Simonischek ist ein Meister der Empörung. Alles an ihm ist halbstark, sein Körper von einen ungerichteten, sehr heutigen Ekel erfüllt. Den Kopf schmeißt er mit jedem Wort angewidert nach rechts und links, die Lippen entblößen im dauerhämischen Grinsen die Zähne (trotz der Erregung werden die zeitgemäß hängenden Hosen mit selbstverliebter Lässigkeit getragen). Simonischek spuckt oder schleudert seine ShakespeareSätze jedem entgegen, der ihm zu nah kommt, und kennt nur eine Richtung: wütendes Vorwärts.

Das ist zwar virtuos, aber genauso flach wie die Bühne von Karoly Risz, die aus einem breiten, publikumsnahen Steg besteht und schon am Eisernen Vorhang endet. Und es ist viel zu wenig für einen Hamlet, in dessen Kopf sich nicht nur das Drama der Rache, sondern auch der Kampf zwischen mittelalterlichen Ritualen und modernen Vorstellungen abspielt, zwischen Zögern und Handeln.

Es gibt einen schmerzhaften Moment. Als sich Simonischek und Julischka Eichel, die ihre Ophelia mit dem halsbrecherischen Verwandlungsfuror eines ewig auf sich selbst gestellten, verwahrlosten Mädchens spielt – als sich Hamlet und Ophelia im Liebeskampf ineinander verbeißen. Hamlet sieht nur durch Erniedrigung einen Ausweg aus der Verklammerung, stülpt seinen Pullover über ihren Kopf und führt sie wie ein Haustier über die Bühne.

Der Rest ist Jugendtheater – außer wenn die älteren Schauspieler Ulrich Anschütz (Polonius) und Ursula Werner (Totengräber) das Wort ergreifen. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Sofort weitet sich der Raum, wird Machtgeflecht spürbar, funkelt Shakespeares Intelligenz. Dabei machen die beiden nichts. Sie lassen die Sätze nur langsam aus der Tiefe ihrer Erfahrung hochsteigen – und sprechen sie aus.

wieder heute, am 30. 5., 5. und 21.6.

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