Kultur : Meister der Melancholie

CHANSON

Kerstin Decker

Das Chanson ist Zweisamkeit mit vielen. Aber Zweisamkeit. Das ICC hat die Intimität eines Flughafenterminals, hier ist jeder Durchreisender. Vielleicht hat Charles Aznavour diese Herausforderung gesucht. Mit fast 80 braucht man das. Manche haben ihre Kongresstische hochgeklappt, jetzt könnte die Rede eines Gewerkschaftsvorsitzenden beginnen. Statt dessen kommt er selbst: Von Anfang an ist es diese Stimme, die man so gut kennt. Ohne Brüchigkeit, mit der alten Kraft. Mit dieser rauchigen warmen Tiefe, dem unmerklichen Vibrieren, das sentimental sein könnte, würde er schlechtere Texte singen und nicht seine eigenen.

In dieser Stimme könnte man ins Exil gehen, noch immer. Altern Stimmen denn gar nicht? So wenig wie Seelen? Ein einziges Mal wendet sich Aznavour zur Besatzung des Riesenterminals, das von Anfang an nicht auf Abflug eingestellt ist, sondern auf Ankunft. Bei sich selber. Aznavour spricht über eines seiner frühesten Lieder, singt es – und es ist noch viel melancholischer als die späteren. Soviel zu Jugend und Alter.

Es gibt mindestestens drei Aznavours: den Melancholiker, den Flaneur und den südländisch-hitzigen Tänzer (immer dann, wenn er schneller wird, von drei Zigeunern in der Nacht singt, überhaupt Sachen, die man nur wenigen verzeihen würde). Fast zum Schluß „La Bohème“; der Beifall brandet, und sie ist kein bißchen albern, diese Geschichte vom armen jungen Maler und seinem Modell im Munde eines Achtzigjährigen. Dieser Saal 1 des ICC teilt eine Seelengeschichte mit dem Mann auf der Bühne. Und doch bleibt eine merkwürdige Distanz. Kann sein, Aznavour hat sie gewollt. Verbrüderungen hat er nicht mehr nötig. Auch nicht mit einem Publikum, das ihn liebt.

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