Kultur : Meister des Flow

Tanz im Berliner HAU: Russell Maliphant

Sandra Luzina

Zuerst erkennt man nur wirbelnde Energiespuren, die sich in den schwarzen Bühnenraum einschreiben. Dann schält sich eine Hand, ein Unterarm aus dem Dunkeln. Peu à peu rücken die Körper ins Licht – es ist ein kleiner Schöpfungsakt, mit dem die Russell Maliphant Company aus London ihr dreitägiges Gastspiel im HAU 1 beginnt. Die tänzerischen Lichtgestalten sind das Resultat einer engen künstlerischen Zusammenarbeit. Die Choreografien Russell Maliphants sind nicht vorstellbar ohne den Lichtdesigner Michael Hulls. Wie Licht und Energie die Körper transformieren, das haben die beiden in immer neuen Auslegungen demonstriert. Ihre Arbeiten sind von berückender, ja entrückter Schönheit – und das ist gleichzeitig ihre größte Gefahr. Denn in ihrer luziden Ästhetik wirken sie manchmal monoton oder sogar: langweilig.

Dabei ist es eine berauschende Erfahrung, sich vom steten Fluss der Bewegung mitreißen zu lassen. Maliphant ist Meister des Flow: Alles fließt, schwingt, wächst und atmet. Immer wieder züngelt die Energie empor – doch der Betrachter kommt bald zu dem Schluss: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss. Maliphant, der vom klassischen Tanz kommt, hat sich asiatischen Einflüssen geöffnet und ist zu einem komplett anderen Verständnis von Bewegung gelangt. In „Transmission“ sieht man, wie Energie übertragen wird – im Körper und zwischen den Tänzern. Maliphant akzentuiert die Verbindungen: wie sich zwei Hände ergreifen, zwei Arme umschlingen. Wenn die Tänzerinnen eine weit gespannte Viererkette bilden, fühlt man sich an Gemälde Ferdinand Hodlers erinnert.

Das Duett „Push“ hat Maliphant für sich selbst und Etoile Sylvie Guillem entwickelt. In der Interpretation von Julie Guibert und Alexander Varona sieht es etwas irdischer aus. Sie thront auf seinen Schultern wie eine indische Göttin, kippt, gleitet herab und wird wieder emporgehoben. Das Duo ist eine Feier der Dualität. Mann und Frau lösen sich nur voneinander, um sich erneut zu verbinden. Die Kunst der Vereinigung wird durchaus erfinderisch vorgeführt. Doch die Paarungsfantasie kommt so harmonieselig daher, dass sie bald in Kitsch abdriftet.

Hau 1, wieder am 27. März, 19.30 Uhr

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