Kultur : Meister des Lärms

Dem Musiker John Cale zum 70.

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Foto: AFP
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In der New Yorker Musikszene der sechziger Jahre gab es viele Außenseiter, aber kaum jemand wirkte so fremd wie John Cale. Ein bleicher, mürrischer Europäer mit Sonnenbrille, die die riesigen Augen in einem langen, schmalen Gesicht verschattete. Aufgewachsen in einem Kaff in Südwales als Sohn einer Lehrerin und eines Bergarbeiters, absolvierte Cale eine klassische Musikausbildung in London und ging1963 nach New York, wo er bei Avantgardekünstlern wie LaMonte Young und Walter De Maria Anschluss fand.

Mit seinem Antipoden Lou Reed bildete er das Doppelherz und -hirn von Velvet Underground, jener in Andy Warhols Factory konzipierten Band, deren Debütalbum mit der abziehbaren Warhol-Banane zu den Inkunabeln der Rockmusik gehört. Reed schrieb und sang fast alle Songs, aber erst Cales kreischende Viola-Drones implementierten diesen einzigartigen Sound, den kaum einer der (damals) wenigen Hörer jemals vergessen konnte: So legendär wie erfolglos, inspirierte der visionäre Lärm zahllose Bands kommender Generationen.

Zwei derart große Egos waren zu viel. Nach einem bandinternen Putsch räumte Cale 1968 das Feld. Seine Karriere ruhte nun auf zwei Säulen: eigene Arbeiten und Studiojobs für andere Musiker. Als Produzent prägte er einige der einflussreichsten Platten der Popgeschichte, darunter die Debüts der Stooges und von Patti Smith. 1987 nahm er das zweite Werk einer jungen Berliner Band auf und schuf die Blaupause für ihren künftigen Sound: Element Of Crime.

Als Solomusiker musste sich John Cale in den frühen Siebzigern erst erfinden, wobei seine Singstimme die größte Überraschung war: ein wohltönender Bariton, dessen distanzierte Melodiosität im europäischen Kunstlied seine Wurzeln hatte. Cales oft brillante Soloalben – 15 Stück in über 40 Jahren, dazu einige Filmmusiken – waren allesamt keine Verkaufserfolge, übten aber großen Einfluss auf Kollegen wie David Bowie oder Brian Eno aus. Selten nahm sich Cale fremder Songs an, aber mit welchem Ergebnis: Seine essigsaure Interpretation von Elvis’ „Heartbreak Hotel“ oder sein erschütterndes Rezitativ von Leonard Cohens „Hallelujah“ stellen die großartigen Originale in den Schatten.

Mit Lou Reed hat er sich im Laufe der Jahrzehnte des öfteren vertragen und wieder zerstritten. Ein lange angedrohtes Velvet-Underground-Comeback blieb auf wenige Konzerte im Jahr 1993 beschränkt. Anders als Reed, der zu einer Karikatur seiner Selbst geworden ist, bleibt Cale ein zwar nur noch sporadisch arbeitender, aber ernst zu nehmender Künstler. John Cale, der drei turbulente Ehen hinter sich hat und in Los Angeles lebt, wird heute 70 Jahre alt. Jörg Wunder

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