Kultur : Meister und Mariinsky

Russische Energie: eine Begegnung mit Valerij Gergiev – vor dem Gastspiel des legendären St. Petersburger Theaters in Berlin

Christiane Peitz

Nach drei Tagen hält er es nicht mehr aus. Freunde aus Nordossetien erzählen ihm von den schrecklichen Ereignissen in Südossetien. Tschinwali sei vollkommen zerstört. Aber in den Nachrichten fällt kein Wort über die von Georgien bombardierte Stadt, keine Bilder, nichts. Nach drei Tagen ruft Valerij Gergiev den Präsidenten von Nordossetien an. Er tritt in London auf, absolviert einen ProkofjewMarathon und vier Opernabende in Edinburgh, aber an dem freien Tag dazwischen könnte er mit seinem Mariinsky-Orchester ein Konzert in Tschinwali geben.

Eine Spontantour mit einem kompletten Orchester ins Kriegsgebiet? Valerij Gergiev ist Hindernisläufe gewohnt und er glaubt fest daran: Wenn das Mariinsky in Tschinwali musiziert, sorgt das erstens für Öffentlichkeit und zweitens wissen die Leute in der Stadt: Ihr seid nicht allein.

Das Mariinsky in St. Petersburg. Ein Theater, ein Mythos, ein blühendes Unternehmen. Und sein Chefdirigent Gergiev: der wohl einzige weltbekannte Ossete, in Russland eine Art Nationalheld, mit 55 Jahren selbst längst eine Legende: Bei der 300-Jahrfeier von St. Petersburg empfing er 48 Staatsoberhäupter in der Zarenloge der Oper. Wenn Gergiev und das Mariinsky ab 30. September neun Tage lang in der Deutschen Oper Berlin gastieren, mit zwei Ballett-Abenden und drei Opern, kann man den Mythos zu dessen 225. Geburtstag in Augenschein nehmen.

Valerij Gergiev, der „wilde Mann der Musik“, wie die Londoner „Times“ ihn nannte, sitzt in der Bar des Westin-Hotels in Rotterdam, dreizehn Jahre lang leitete er das Orchester der Stadt. Unter dem schwarzen Hemd trägt er ein T-Shirt mit dem Schriftzug des nach ihm benannten Festivals, das gerade zu Ende geht.

Am Abend dirigiert er Bruckner und Hindemith, aber jetzt erklärt er noch einmal das Konzert in den Ruinen von Tschinwali. Ja, er war erbost über die georgische Aggression und die einseitige, antirussische Berichterstattung im Westen. Aber er hat Schostakowitschs Leningrader Sinfonie (komponiert in der von den Nazis belagerten Stadt) nicht aus propagandistischen Gründen gewählt. „Es geht nicht um Hitler oder Georgien in der Musik, sondern um die Zerstörung von Leben, von Glück.“ Wenn er an den Kaukasus denkt, könne er schier verzweifeln.

Um das St. Petersburger Theater mit den 2500 Mitarbeitern, dem 240-köpfigen Ballett-Ensemble, rund 250 Orchestermitgliedern, einem funkelnagelneuen Konzerthaus und der Singakademie unter Leitung seiner Schwester Larissa kümmert sich Valerij Gergiev wie ein Patriarch. 1988 wählte das Ensemble ihn zum Künstlerischen Leiter, seit 1996 ist er obendrein Chefdirigent und Direktor. Als Russland in den Wirren nach der Wende am Boden lag, hat er es wie eine Insel der Seligen abzuschotten versucht. „Das Mariinsky“, sagt er, „war unser Vatikan.“ Seine Religion: Hoffnung wider besseres Wissen. Gergiev hat es geschafft, hat unermüdlich Gelder Beschafft, Zukunft aufgebaut, Kontakte geknüpft. Die Scala will Dirigate von mir? Okay, aber nur, wenn es Koproduktionen mit dem Mariinsky gibt.

Ein Imperator? Nein, ein notorischer Idealist. „Yes, we can“, den Obama-Satz sagt er gern. 500 Mariinsky-Auftritte pro Jahr, daheim und auf Tournee. Chef der Londoner Philharmoniker. Erster ständiger Gastdirigent an der Met. Leiter eines halben Dutzend Festivals. Regelmäßige Auftritte mit den Wiener Philharmonikern und den Rotterdamern, dazu Salzburg oder eben die Scala. Die Projekte des Musikbotschafters: Russisches im Westen promovieren, unbekannte Werke ausgraben, gleichzeitig Wagner in Russland etablieren und Education-Programme für die Jugend auflegen: 30 Mal haben sie im Frühjahr Mozarts „Zauberflöte“ für Schulen gespielt. Und, siehe auch die Benefizkonzerte nach dem Schulmassaker in Beslan, ein politischer Kopf ist Gergiev obendrein. Kein Parteimitglied, aber ein Patriot, ein Freund der Reformer. Er kannte Gorbatschow und Jelzin, hat Kontakt zu Medwedew, ist ein Freund Putins: Petersburg-Connection zweier Tatmenschen. Bloß dass sie einander Patenonkel ihrer Kinder seien, wie in den Zeitungen steht – das ist einfach gelogen.

Musiker, Manager, Charismatiker. Wie schafft er das? Am Pult tritt Gergiev wie eine Naturgewalt auf, er sagt, es sei alles eine Frage der Konzentration. Ähnliche Energie kennt man von Barenboim, Rattle, Bernstein. Gergiev ist wie alle drei zugleich. Er spricht schnell, ein leiser, rauer Bass, ein Unruhegeist, ein Multitasker. Aufmerksam registriert er alles, was in der Bar und auf dem TV-Sportsender vor sich geht – Fußball ist das einzige Hobby, das er sich seit seiner Jugend in Wladikawkas gestattet – und dirigiert seine Worte mit feingliedrigen Händen. Frauenhände, sie passen nicht zum Stoppelbart. Der Ästhet, der Workaholic. Und wenn es um das Mariinsky geht, erläutert er hingebungsvoll das Geheimnis des Theaters: seine Wahnsinnstradition.

Ein Sehnsuchtsort in Lindgrün, mit Gold, Stuck, Kristall. Musiktempel des Adels, benannt nach der Zarengattin. Glinka, Tschaikowsky, Rimsky-Korsakow, Mussorgskij, Borodin, alle traten hier auf, komponierten fürs Mariinsky. „Dann diese Explosion von Talent vor 100 Jahren. Der junge Strawinsky, der junge Prokofjew, Schostakowitsch war noch ein Bub, Rachmaninow fing hier an, der blutjunge Balanchine war da. Die Petersburger Tradition ist so stark, dass weder die Kriege noch die Revolution oder das Exil ihr etwas anhaben konnten.“

Gergiev hat eine Mission. Er will die Historie pflegen und sie unermüdlich erneuern. Deshalb hat er den Neubau des Konzerthauses rund um die Uhr persönlich betreut, deshalb soll 2010/11 ein weiteres Opernhaus eröffnen, nach Plänen von Dominique Perrault. Den jüngsten „Tristan“ hat Bill Viola inszeniert, für 2009 sind fünf Gogol-Opern in Auftrag gegeben.

In Berlin zeigt das Theater Produktionen aus drei Epochen: den unverbesserlichen „Schwanensee“ – „den ändern wir nicht, solange ich lebe“ – und Mussorgskijs Historien-Epos „Chowanschtschina“, das zu Peter dem Großen zurückblendet. Außerdem Tschaikowskijs „Pique Dame“ von 1890 und Schostakowitschs freches Frühwerk „Die Nase“.

Wenn der Maestro schwärmt, zählt er gerne auf. Wirkstätten, Namen, Stars. Allein die Kultur des feurigen, leidenschaftlichen Gesangs am Mariinsky: Ja, er hat Anna Netrebko entdeckt, aber sie ist nur eine von vielen Talenten. wie Olga Borodina, Yekaterina Semenchuk, Vladimir Galuzin oder Mikhail Petrenko. Gergiev, der Förderer: Als er in der Perestroika-Zeit 1988 sein Debüt in London gab, brachte er den 16-jährigen Jewgeni Kissin mit. Die Briten wollten wissen, wie man den buchstabiert.

Gergiev, Offizierssohn, heute selbst dreifacher Vater, war 14, als sein Vater an einem Herzinfarkt starb. Der Tod ohne Vorwarnung: ein Schock. Freunde sagen, er lebt womöglich deshalb ein doppelt beschleunigtes Leben, ist deshalb getrieben, besessen, diszipliniert, beseelt.

Sein erster Lehrer war ein Schüler von Kurt Sanderling. Gergiev spielte Klavier, Bach, Beethoven, plagte sich mit dem Kontrapunkt, bevor er nach St. Petersburg ins Konservatorium kam. Mit 24 gewann er in Berlin den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb und lehnte die Assistentenstelle bei Karajan ab. Wie bitte?

Gergiev hält einen Moment inne. Diesen entscheidenden Moment seines Lebens spielt er der Besucherin lieber vor. Eine Kammeroper. Der Kulturminister persönlich bittet ihn nach Moskau, in dessen Büro erfährt er von Karajans schriftlichem Angebot. „Der Minister bot mir eine Schachtel Marlboro an, das war damals, 1977, eine Rarität in der Sowjetunion. Ich saß also rauchend vor diesem Bürokraten. Dann gab er mir den Rat, abzulehnen. In fünf, zehn Jahren sei der Generationenwechsel bei den Leningrader Philharmonikern oder am Kirov-Theater fällig, so hieß das Mariinsky damals. Ich zitterte innerlich. Das war kein Rat, das war eine Anweisung. Kein Karajan, keine Westreisen, sie hatten für mich entschieden. Aber gut zehn Jahre später wählten sie mich am Mariinsky zum Chef und heute weiß ich, es gibt keinen besseren Job.“

Mit 320 Mitarbeitern und 17 LKWs kommt das Theater vom 30. September bis 8. Oktober nach Berlin. Valerij Gergiev wird alle Opernabende dirigieren.

Infos: www.deutscheoperberlin.de, Tickettelefon: 030/34 3 84 343.

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