Kultur : Meistersänger

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Norbert Thomma sieht die

RTL„Superstars" in klassischer Tradition

Darf man Dieter Bohlen in einem Atemzug mit..., ähm, mit Homer und Richard Wagner nennen? Oder ist es ein Sakrileg, dieses Leben zwischen Stimmbruch und Penisbruch mit den Weihen der Hochkultur zu adeln?

Es geht, natürlich, um „Deutschland sucht den Superstar“ (Insider sagen: DSDS). Der Quotenhit Nummer 1. Unschlagbare Marktanteile. Und: bäh! Ja, die gebildeten Stände des Landes (also das..., ähm, Feuilleton) ignorieren die Sendung. Bei Big Brother war das anders. Big Brother war zynisch, schwer menschenverachtend, da ließ sich fein kulturkritisch drüber parlieren. Die gebildeten Stände waren ganz wild auf den Container-Trash. Nun aber singen Juliette und Alexander, Vanessa und Daniel muntere Lieder – und am Ende winkt als erster Preis ein Plattenvertrag. Das riecht nach schnödem Kommerz.

Vielleicht sollte man mal in eine Zeit zurückblicken, als es RTL noch nicht gab. Die Sache ist als Wartburgkrieg in die Geschichte eingegangen. Es trafen sich Walther und Reinmar, Wolfram und Biterolf (Frauen durften vor 800 Jahren noch nicht mitmachen...) zum Sängerwettstreit. Die Regeln waren martialisch wie sonst die Filme im Privatfernsehen. Wer beim Singen unterlag, sollte am Galgen baumeln. Es traf Heinrich von Ofterdingen. Der floh und verbarg sich unter dem Mantel der schönen Sophia (ein Ende, das auch D. Bohlen gefallen würde).

Vom Strick zum Plattenvertrag – ist es nicht möglich, dass auch Kulturpessimisten einräumen, diese Entwicklung sei ein zivilisatorischer Fortschritt? Und was macht „Spiegel online“? Nörgelt herum, die „Superstar“-Aspiranten seien gar keine richtigen Nachwuchskräfte. Na und? War denn Walther von der Vogelweide ein Stümper, als er seine Stimme auf der Wartburg erhob?

Urdemokratisch ist DSDS sowieso. Okay, da sind D. Bohlen und seine Mitjuroren. Geballte Musikkompetenz. Die dürfen meckern wie sie wollen, aber wer entscheidet? Das Volk, die Zuschauer. Sie greifen zum Telefon und stimmen ab. Dieses Prozedere, übrigens, wäre für Homer seinerzeit ganz hilfreich gewesen. Als der im Wettbewerb der Dichter mit Hesiod stand, wurde er vom Publikum frenetisch gefeiert. Verloren hat er trotzdem. Der Schiedsrichter war irgendwie pazifistisch angehaucht und fand Homers Vortrag zu kriegerisch; Hesiod hatte ein bisschen Frieden im Text.

So, damit ist der Bildungsbogen vom antiken Chalkis nach Köln-Ossendorf geschlagen (wo „Deutschland sucht den Superstar“ produziert wird; kommenden Sonnabend um 21.15 Uhr geht es weiter). Nun noch rasch einen Abstecher nach Nürnberg gemacht, um zu beweisen, wie frauenfreundlich, ja wie sexistisch-entschlackt die RTL-Show heute daherkommt. Was nämlich winkte den mittelalterlichen Wartburgsingern von Richard Wagner als Preis für den Sieger? Die schöne Elisabeth (ein Plot, der D. Bohlen bestimmt gefallen würde).

Na bitte, „Deutschland sucht den Superstar“ ist nichts als das klassische Singespiel im TED-Zeitalter.

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